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Einkaufszentrum „My Zeil“ : Von nun an ging's bergab

  • -Aktualisiert am

Besser, man blickt nach oben, wo das letzte Geschoss als ein blutroter Neonrubin leuchtet, Entree eines Pools über den Dächern Frankfurts.

Knapp verpasster Sieg

Massimiliano Fuksas hat sich mit all dem vielleicht schadlos gehalten für den knapp verpassten Sieg - Zaha Hadid gewann mit einem Gebilde, dass an einen in Seidenschleier gehüllten tanzenden Wal erinnert - im Wettbewerb um das Guggenheim Museum in Vilnius. Fuksas hatte einen Bau vorgesehen, der wie ein gestrandeter weißer Riesenkrake gekappte Tentakel in alle Richtungen schwenkte. In Frankfurt ist das Weichtier durchsichtig geworden und hat seine Fangarme in den eigenen Leib zurückgezogen.

Der Architekt selbst bevorzugt den Vergleich mit einem Wadi oder Creek. Stimmt, man kann in den mäandernden Schichtungen auch die Verästelungen dieser nur zeitweise gefüllten Wüstenflüsse erkennen. Doch ob Tier oder Flußlauf - mit der herkömmlichen Gestalt von Einkaufszentren oder Passagen hat „My Zeil“ nichts mehr zu tun. Ob die frühen Pariser Passagen, Schinkels „Entwurf für ein Kaufhaus Unter den Linden“ von 1820, Mailands Galleria Vittorio Emanuele II. oder noch die Einkaufszentren der achtziger Jahre - sie hatten sämtlich Schlösser oder noble Gewächshäuser zum Vorbild, bemühten sich ausnahmslos um Überschaubarkeit und mühelose Orientierung. Statt ihrer herrscht nun das funkelnde biomorphe Labyrinth.

Gegenwelt des öffentlichen Raums

Möglich, dass das Publikum die neue Unüberschaubarkeit schätzen wird. Denn sie bildet gerade in Frankfurt die Gegenwelt des öffentlichen Raums, der sich zunehmend in blankgefegte gähnende Freiflächen, besser: Aufmarschplätze wandelt. Mit glattem graphitgrauem Pflaster und schwärzlichem, an Vulkanasche erinnerndem Feinsplitt lehrt der kürzlich umgestaltetet Goethe- und Rathenauplatz nahe von „My Zeil“ Passanten und Flaneure die Platzangst. Und Frankfurts angrenzende Hauptwache, bis in die vergangene Woche noch von Menschen so eifrig frequentiert wie vom Autoverkehr umtost, droht seit ihrem radikalen Wandel zum Fußgängerparadies die Sanatoriumsstille. Das ist die größte Bedrohung, die Malls für Innenstädte ausmachen: Sie saugen - siehe der neue Trichter! - die Menschen aus dem öffentlichen Raum hinein in ihre Binnenwelten, die von der „Piazza“ über das Straßencafe bis zum Treff im Eck alles unter Dach und Fach bieten, was die Städte ungeschützt bereithalten.

„My Zeil“ also könnte, falls das Konzept auf- und nicht im Sog der Finanzkrise untergeht, die echte Zeil samt der angrenzenden Plätze veröden lassen. Malls fühlen von Natur aus den Puls der Zeit. Aus dieser Sicht könnte das vibrierende computerflimmrige Gekröse von „My Zeil“ mehr erschrecken als die Tatsache, dass sich horrend hohe Millionenbeträge in ihr so oberflächlich dekorativ vergegenständlicht haben. Denn mit Frankfurts neuem Einkaufszentrum sind wir architektonisch auf einer Ebene angelangt, deren hochtechnologisierte biomorphe Draperien auf die Frühzeit unserer Kultur verweisen, in der bizarr geformte Baumstrünke oder Steine als Idole angebetet wurden. So gesehen wäre Massimiliano Fuksas der Schöpfer einer gigantischen Kulthöhle, in die man sich, mehr Opfer als Kunde, wie vor tausenden Jahren vor der feindlichen Außenwelt und fremden unerklärlichen Mächten flüchtet. Nun ja, wir haben in den letzten Wochen oft genug gesehen, wie Banker und Manager den Computer benutzten wie Neandertaler ihren Faustkeil. Dass „My Zeil“ mit einem prasselnden Trommelkonzert eröffnet wurde, passt da vorzüglich ins Bild.

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