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Schwabinger Kunstfund : War Hildebrand Gurlitt ein Saboteur?

  • -Aktualisiert am

Eine Tagung gibt neue Einsichten zum Schwabinger Kunstfund. Das „Deutsche Zentrum Kulturgutverluste“ muss daraus die politischen Konsequenzen ziehen.

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          Als aus Hamburg folgende Nachricht kam, traute man seinen Augen nicht: Angekündigt wurde für vergangenen Donnerstag ein Vortrag an der Universität von Meike Hoffmann, jener Kunsthistorikerin, die nach dem Schwabinger Kunstfund von der Augsburger Staatsanwaltschaft damit beauftragt wurde, die Sammlung von Cornelius Gurlitt zu sichten und die Herkunft der Werke zu prüfen. Meike Hoffmann gehört auch von Anfang an zur „Taskforce“, zu dem Expertenteam also, das Ende 2013 versprach, im Zeitraum eines Jahres die Bestandsaufnahme abzuschließen.

          Der Titel des angekündigten Vortrags lautete: „Doppelt kassiert - eine Form der Sabotage? Hildebrand Gurlitt und sein Handel mit ,Entarteter Kunst‘“. Sabotage? Opportunismus, Profitgier oder erzwungene Kollaboration - all das sind Begriffe, die bisher als Motive des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, des Vaters von Cornelius Gurlitt, für seine weitreichenden Aktivitäten im Nationalsozialismus angeführt wurden. Könnte Gurlitt aber ein realer „Oderbruch“ gewesen sein? Ein Bruder im Geiste des Saboteurs und Ingenieurs, den Carl Zuckmayer 1946 in seinem berühmten Nachkriegsstück „Des Teufels General“ entwarf?

          Meike Hoffmann sprach zum Abschluss einer Tagung über „Markt und Macht. Kunsthandel im Dritten Reich“, die von der Universität Hamburg, deren Forschungsstelle „Entartete Kunst“, und dem Getty Research Institute gemeinsam veranstaltet wurde. Die Zuhörerbänke waren prominent besetzt. Anwesend waren Uwe Hartmann, der Leiter der Taskforce Schwabinger Kunstfund, Andrea Baresel-Brand, die Leiterin der Datenbank „Lost Art“ an der Koordinierungsstelle Magdeburg, und Uwe M. Schneede, der ehemalige Direktor der Hamburger Kunsthalle, der die Bundesregierung bei der Planung des Zentrums für Kulturgutverluste berät.

          Das Ergebnis des Vortrags? Meike Hoffmann zeigte noch einmal auf, dass Hildebrand Gurlitt eine führende Stellung im NS-Kunsthandel einnahm. Er gehörte nicht nur zu den vier Händlern, die von 1938 an mit der Verwertung der zuvor aus Museumsbesitz beschlagnahmten „entarteten“ Kunst beauftragt wurden. Gurlitt verkaufte das meiste, insgesamt knapp 4000 Werke. Er, der von Rolf Hetsch im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda protegiert wurde, besaß weitreichende Kompetenzen. Als er etwa Franz Marcs Gemälde „Tierschicksale“ von 1913 vom Propagandaministerium für 5000 Franken erwarb, um es für 6000 Franken an das Kunstmuseum Basel zu verkaufen, kassierte er von Georg Schmidt, dem Direktor des Schweizer Hauses, neben dem Gewinn zusätzlich 900 Franken Provision. Der Besitz von Devisen war Privatpersonen im Nationalsozialismus verboten - Gurlitt nicht?

          Kein Wort zur Raubkunst

          Es kam, so Hoffmann, zu weiteren Unregelmäßigkeiten, etwa bei den Abrechnungen. Als Gurlitt Dürer-Zeichnungen und andere ältere Kunstgegenstände gegen 42 Werke „entarteter“ Kunst eintauschte, tauchten die Alten Meister bereits 1940 in Inventarlisten von Museen auf. Der Vertragsabschluss über den Tausch mit dem Propagandaministerium stammt aber erst aus dem Jahr 1941. Wurde hier doppelt kassiert? Oder bloß nachträglich der Vertrag ausgestellt? Das Wort „Sabotage“ fiel in Hoffmanns Vortrag dann kein einziges Mal. Erst auf Nachfrage gab sie an, es sei möglich, dass das Propagandaministerium von Hildebrand Gurlitt gar keine Alten Meister im Tausch erhalten habe. Allerdings schien am Ende nicht einmal Meike Hoffmann selbst davon überzeugt, dass sich hier Sabotage auch nur vermuten ließe.

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