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Eine spezielle Kunstsammlung : Oben ohne? Immer gern!

Die Museen streiten, ob man Schrumpfköpfe zeigen sollte. Der Sammler Thomas Olbricht tut es in Berlin. Parallel dazu gibt es einen echten Schwerpunkt seiner Kollektion in Krems zu entdecken: Brüste und Schädel.

          In der Kunsthalle Krems wird zurzeit eine Ausstellung mit dem Titel „Lebenslust und Totentanz“ gezeigt. Zu sehen sind 250 Werke aus der Kunstsammlung von Thomas Olbricht, der einmal Vorsitzender des Aufsichtsrates der Wella AG war; heute kennt man ihn vor allem als Kunstsammler. Im Ausstellungskatalog preist der neue Geschäftsführer der Kunstmeile Krems, Hans-Peter Wipplinger, die Ausstellung als „ein Kaleidoskop“, welches „auf die zentralen Bedingtheiten menschlichen Seins fokussiert“.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese zentralen Bedingtheiten stellen sich in ebendiesem Katalog vor allem in Form von Totenschädeln (Damien Hirst, Cindy Sherman und Kiki Smith) und opulent gemalten Busen dar, die getreu dem zweiteiligen Motto der Ausstellung die „Lebenslust“ repräsentieren sollen: Man sieht von David Nicholson, Bettina Rheims, Thomas Ruff und vielen anderen gemalte und fotografierte, halbnackte oder wenigstens barbusige junge Frauen mit Flügeln, Strapsen, Kindern, entblößtem Geschlecht, übergroßer oder kleinerer Brust, im Bad oder bei einer Oben-ohne-Orgie. Die Ausstellung könnte also auch „Brüste und Schädel“ heißen, aber dazu würde dann der hohe Ton des Katalogs - in dem Rainer Metzger Agamben, Foucault und die gute alte Conditio Humana auffahren muss, um die malerische Totenkopf-Brustwarzenparade als komplexen Spiegel „unseres“ Daseins zu verkaufen - nicht mehr so gut passen.

          Werke aus Olbrichts Sammlung kann man währenddessen auch in Berlin sehen, wo der Sammler sich ein recht unübersehbares weißes Haus in die Auguststraße hat setzen lassen. In diesem Sammlungsbau zeigt Olbricht neben eigenartiger chinesischer Gegenwartskunst und einer von der Berliner Presse als exquisite „Kunst- und Wunderkammer“ gepriesenen Versammlung kostbarer Elfenbein-Miniaturen eine weitere mögliche Variation des Themas „Oben ohne“, nämlich einen echten Schrumpfkopf.

          Bei diesem Schrumpfkopf handelt es sich nicht um ein Kunstwerk. Wenn es sich nicht um eine Fälschung handelt, wie sie im neunzehnten Jahrhundert für den touristischen Bedarf an gruseligen Souvenirs in Südamerika aus Ziegenhaut gefertigt wurden, dann gehörte dieser Kopf einmal einem Menschen, der abends schlafen ging, Angst hatte, sich über das Morgenlicht freute, sich verliebte und recht früh ein grausames Ende fand; ihm wurde vermutlich von seinen Feinden der Kopf vom Rumpf getrennt; jemand entfernte den Schädelknochen, kochte die verbliebene Hauthülle mit dem Skalp und füllte ihn mit Sand oder heißer Asche, um ihn zu mumifizieren.

          Umstrittene Schrumpfköpfe

          In den vergangenen Jahren hat es eine Diskussion darüber gegeben, wie mit diesen Köpfen zu verfahren sei, da keiner dieser Menschen bei seiner Tötung einen Kopfspenderausweis bei sich trug, in dem nachzulesen war, dass der eigene Skalp, statt mit dem Körper beigesetzt zu werden, im Todesfall eingekocht und später zwischen Modellautos und gemalten Busen in einem deutschen Ausstellungshaus als Vergegenwärtigung der allgemeinen Todesnähe unseres Daseins aufgestellt werden solle.

          Das Pitt-Rivers Museum in Oxford diskutiert zurzeit, ob es seine Schrumpfkopfsammlung ins Amazonasgebiet zurückschicken soll, das Völkerkundemuseum Burgdorf hat nach einem Bericht der Schweizer „Wochenzeitung“ die Schrumpfköpfe aus seiner Ausstellung entfernt; das Museum Sankt Gallen hat dagegen im Mai dieses Jahres sechs zweihundert Jahre alte Schrumpfköpfe aus der Sammlung eines Tierpräparators angekauft - und damit eine Debatte ausgelöst, ob die Präsentation den Richtlinien des internationalen Museumsrates entspricht, der „Taktgefühl und Achtung der Menschenwürde“ verlangt.

          „Unbequemen Wahrheiten“ bleiben im Dunklen

          Das gängigste Gegenargument war, dass die Idee der Totenruhe eine bloß christliche sei und allein der Verweis auf sie ein Euro- und Christianozentrismus, der den Objekten nicht gerecht werde. Ob es dem sogenannten Objekt, das einmal ein Kopf war, allerdings gerecht wird, wenn es zwischen Ölgemälden für den Altherrengeschmack zu stehen kommt, ist damit nicht bewiesen.

          Von allen Diskussionen um den Umgang mit Schrumpfköpfen erfährt man bei Olbricht nichts. Auf dem Weg von der Skalpierung in die Auguststraße waren aber andere Kräfte am Werk als allgemeine „Bedingtheiten menschlichen Seins“ - und man wird das Gefühl nicht los, dass der Kontext einer sogenannten „Kunst- und Wunderkammer“ mittlerweile einfach nur noch eine gute Entschuldigung ist, um die „unbequemen Wahrheiten“, die Kunst angeblich so gut sichtbar macht, im Dunklen zu lassen.

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