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Willy-Fleckhaus-Ausstellung : Der gefürchtetste Art Director des Landes

Wie ein Scheibenwischer fuhr er durch die verdruckste Klein-klein-Ästhetik der Nachkriegszeit: Willy Fleckhaus war der mutigste Art Director der jungen Bundesrepublik. Wie er deren Optik prägte, zeigt eine Schau in Köln.

          Ende der sechziger Jahre baute man bei „twen“, der aufregendsten Illustrierten der Nachkriegszeit, an einer besonders heißen, natürlich hochkonstruierten Geschichte über schöne junge Hippies, die es sich auf einem Boot im Mittelmeer gutgehen ließen. Fotograf Will McBride brachte die Fotos, Layouter Willy Fleckhaus baute die Bildstrecke und füllte die erste Doppelseite mit riesigen Großbuchstaben. Als Platzhalter für den Titel setzte er den Namen der verwendeten Schriftart ein, „Thalia“, und weil noch für einen Buchstaben Platz war, setzte er noch ein „i“ hintendran. Da musste jetzt der Titel rein. Sieben Buchstaben, sagte Redakteur Rolf Palm, da falle ihm beim besten Willen nichts ein. Also blieb der Titel, und man änderte die Geschichte: Das Boot hieß jetzt „Thaliai“, klang ja ein bisschen italienisch.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Anekdote macht klar, welchen Rang für den Gestalter Willy Fleckhaus der Text hatte, das Foto und auch die journalistische Wahrheit, sobald er sich einmal in eine optische Idee verliebt hatte. Die Gestaltung stand beim gefürchtetsten Art Director des Landes an erster Stelle. Das war damals neu und brachte ihm nicht nur Freunde ein, Henri Nannen etwa warf ihm „ästhetischen Graphismus“ vor. Doch im Rückblick ist unübersehbar, wie sehr dieser eigenwillige, selbstbewusste Grafiker die visuelle Identität der jungen Bundesrepublik prägte.

          Content als Schnittmasse

          Jeder kennt die bunten Suhrkamp-Bücher. Das alte WDR-Logo. Und die Älteren erinnern sich an die Jugendzeitschrift „twen“, die zwanglosen Hedonismus und intellektuellen Anspruch verband wie vorher kein anderes deutsches Magazin; oder an Design und Logo der „stern“-Konkurrentin „Quick“ oder das eleganteste Magazin seiner Zeit, das „Frankfurter Allgemeine Magazin“, das von 1980 bis 1999 wöchentlich erschien. Aber der Mann, der all das entwarf, ist heute jenseits von Fachkreisen weitgehend unbekannt, und gäbe es nicht Hans-Michael Koetzle, hätte man ihn vielleicht bald vergessen. Der Germanist hat seit den Neunzigern eine Sammlung rund um Fleckhaus' Lebenswerk aufgebaut, 1997 ein umfassendes Buch herausgegeben und jetzt, fast zwanzig Jahre später, eine lange geplante Fleckhaus-Ausstellung realisiert. Sie ist im Museum für Angewandte Kunst in Köln zu sehen und wandert anschließend in die Villa Stuck in München.

          Schau und Katalog schöpfen aus umfassender Recherche. Unermüdlich traf Koetzle Kollegen des 1983 früh Verstorbenen, um alle Hintergründe zu erfahren, darunter Fotografen wie Will McBride oder Ulrich Mack, denen Fleckhaus erste Foren gab, die lange treu mit ihm arbeiteten und die auf Koetzles Überredungskunst hin auch alte Originale herausrückten. Sie sind in Köln den jeweiligen Magazinseiten gegenübergestellt, wodurch klarwird, wie sehr Fleckhaus den Content als Schnittmasse verstand, aus dem er in verschwenderisch gestalteten Doppelseiten etwas Drittes schuf.

          Krasse Kontraste, dramatische Spannung

          1925 in Velbert im Bergischen Land in eine katholische Familie geboren, wehrte sich der jugendliche Fleckhaus nach Kräften gegen die Zwänge der Nazi-Zeit und marschierte mit der katholischen Jugend auch nach deren Verbot durch den Ort. Nach dem Krieg führte er eine Zeitlang einen lokalen Kunstverein, schrieb Beiträge über Christentum oder moderne Kunst für die Freiburger Zeitschrift „Der Fährmann“ und wechselte schließlich nach Köln zum Gewerkschaftsmagazin „Aufwärts“, wo er bald die nicht besetzte Stelle des Grafikers ausfüllte.

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