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Geschichte der Mode : Was haben die denn an?

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In Wien zeigt eine Ausstellung verrückte Mode-Bilder aus früheren Jahrhunderten. Manches davon wirkt auch heute gewagt: Girlanden um die Brust, eckige Röcke und Schafsköpfe auf den Hüften zum Beispiel.

          Was für ein Look! Die „Griechische Braut“ trägt anstatt eines Schleiers ein Mäanderornament auf dem Kopf. Um den Oberkörper sind Girlanden gewunden, und ihre Arme münden wie Henkel in einen eckigen Rock, den Schafsköpfe auf den Hüften zieren. In seiner satirischen Figurenserie „Mascarade à la Grecque“ nahm der Architekt Ennemond Alexandre Petitot 1771 die Manie für den Neoklassizismus auf die Schippe. Auch sich selbst porträtierte der am Hof zu Parma wirkende Baukünstler in einem grotesken Gebäudekostüm - lustigerweise mit einer quadratischen Brille, die leicht als heutiges Architektenaccessoire durchgehen würde.

          Das Museum für angewandte Kunst (MAK) in Wien hat seinen riesigen Fundus an Gebrauchsgrafik digitalisiert und dabei einen Schatz gehoben. Zu den Drucken, die als Vorlagen für Handwerk und Industrie gesammelt wurden, zählen auch 10 000 Blätter mit Modedarstellungen. Die Schau „Mode-Utopien. Haute Couture in der Grafik“ schickt nun 220 extravagante Modelle von der Renaissance bis in die dreißiger Jahre über den Catwalk. In der Ausstellung liegen Lupen zur Betrachtung der überraschenden Details bereit: wenn etwa eine Edelfrau um 1600 eine Schirmkappe trägt oder ein Soldat im karierten Rock einen ebenso karierten Säbel.

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          Ein Festzug auf einem Holzschnitt von 1571 macht den Auftakt. Das Defilee zur Fürstenhochzeit von Karl II. und Prinzessin Maria Anna von Bayern zeigt taillierte Gewänder mit flatternden Schleiern. Überwunden ist die schwere Unisexkleidung des Mittelalters, stattdessen fließt bunte Seide aus der Neuen Welt durch die Finger der Hofschneider. Wie Oberhäupter unterschiedlicher Stämme treten hingegen die bayerischen Fürsten auf, die der Kupferstecher Jost Amman im sechzehnten Jahrhundert verewigt hat. Die Adelsgeschlechter putzten sich mit Insignien von Macht und Potenz phantasievoll auf. Diese als Mappenwerk vertriebenen Bilder von Phantasierüstungen, talarhaften Mänteln und Federhüten sollten an anderen Höfen Eindruck schinden.

          Jahrhunderte vor Entstehung der Modefotografie informierten Kupferstiche und Radierungen über den letzten Schrei. Im ersten Teil der Schau sticht vor allem die auffällige Männerkleidung ins Auge. Da glänzen Pluderhosen, deren edles Futter neben der Schamkapsel durch Schlitze hervorquillt, und mit Goldfaden bestickte Wämser, Handschuhe und Waffen liegen lässig wie eine Clutch in der Hand. Sogar Soldaten werden zu Modegecken mit Halskrausen, die den kleinen Finger abspreizen, wenn sie die Büchse schultern.

          Mode war eben schon lange kurios und „utopisch“ im Sinn von untragbar, noch bevor Charles Worth 1869 den Pariser Verband der Haute Couture, der „gehobenen Schneiderei“, gründete. Die ausgewählten Blätter zeigen etwa turmhohe Perücken mit sechsstöckigen Haartollen, ein von Kopf bis Fuß mit Hummern geschmücktes Damen-Outfit oder ein Möwen-Hütchen, das die Frisur zum Nest macht. In vielen der wohl nie ausgeführten Entwürfe werden die fashion victims überzeichnet, wenn etwa sogar die rüschige Biedermeiermode durch überbreite Damenschultern skurril wirkt.

          Die ersten Modezeitschriften wie „Elegance“ oder das „Journal des Luxus und der Moden“ schmeichelte ihren Leserinnen da schon mehr. Vom späten achtzehnten Jahrhundert an zogen diese Gazetten mit kolorierten Kupferstichen eine neue Konsumklientel heran. Der Übergang vom Empire zum Biedermeier sorgte für schmale Fischbeintaillen, Reifröcke, Schleifchen und Volants.

          Die Wiener Werkstätte betrachtete Kleidung als Teil des Gesamtkunstwerks modernes Leben. Im Jahr 1911 besuchte der Modeschöpfer Paul Poiret diese Produktionsgemeinschaft bildender Künstler und war angetan von deren Stoff- und Kleiderideen. Inspiriert durch den Pariser Couturier und doch auf stilistische Eigenständigkeit bedacht, brachte die Wiener Werkstätte schließlich das Mappenwerk „Mode Wien 1914/15“ heraus. Die Damenmode der Stilerneuerer war interessant, aber nicht gerade sexy: Dagobert Peche hüllte die Frau von Welt in bauschige gemusterte Reformkleider, hochgeschlossen und bodenlang, und Eduard Josef WimmerWisgrill steckte sie in Pumphosen und XL-Mäntel.

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