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Kunsthistoriker Kristeller : Trostsuche bei Tizian

Ein Objekt von Kristellers Leidenschaft: „Apollo“, Kupferstich von Marcantonio Raimondi, um 1512 Bild: bpk / Kupferstichkabinett, SMB /

In der Pionierzeit der Graphiksammlungen brachte der Kunsthistoriker Paul Kristeller deutsches Knowhow nach Italien. Eine Ausstellung des Berliner Kupferstichkabinetts ehrt sein Andenken.

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          Ausstellungen zur Geschichte öffentlicher Sammlungen sind ein noch junges Format im Museumsbetrieb. Das Dresdner Kupferstichkabinett, das in diesem Jahr seinen dreihundertsten Geburtstag feiert, präsentiert derzeit seine Schätze und ihre Erwerbungsgeschichte in einer so reichen wie anspruchsvollen Schau. Etwas Ähnliches unternimmt auch das Berliner Kupferstichkabinett im Kabinettsaal der Gemäldegalerie am Kulturforum, allerdings in deutlich kleinerem Maßstab. Die Berliner Sammlung, gegründet 1831, galt sehr bald wegen ihrer technischen Ausstattung und archivalischen Sorgfalt als vorbildlich. Dass dieser Ruf auch ins Ausland ausstrahlte, verdankt sich Kunsthistorikern wie Paul James Kristeller (1863 bis 1931), der nach seiner Promotion 1889 als Volontär im Kupferstichkabinett anfing. Dank seiner guten Beziehungen nach Italien und seiner Expertise zur Druckgrafik der Renaissance wurde er fünf Jahre später Kurator an der Galleria Regia in Bologna.

          Eine Linie von Mantegna zu Dürer

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Hier widmete sich Kristeller einem Projekt, das er zusammen mit Adolfo Venturi entwickelt hatte, der als Gründervater der italienischen Kunstgeschichte gilt: dem Aufbau einer nationalen grafischen Sammlung in Rom mit Dependancen in allen Kunstmetropolen des Landes. 1895 wurde das Gabinetto Nazionale delle Stampe gegründet, Kristeller zog an den Tiber, aber seine weiteren Pläne scheiterten am Chauvinismus der italienischen Kunstadministration. 1898 ging er zurück nach Berlin, wo er den Rest seines Lebens als Privatgelehrter arbeitete. Sein letzter Essay erschien 1927 in einer Festschrift für den kaum jüngeren Max Friedländer, der ihn um fast dreißig Jahre überlebte.

          Das Kupferstichkabinett ehrt Kristeller, indem es die Kunst zeigt, über die er schrieb: allegorische Drucke, sogenannte Tarocchi, aus dem Umkreis Andrea Mantegnas, einen „Kampf der Seegötter“ von Mantegna selbst, Stiche von Giulio Campagnola, Marcantonio Raimondi und Jacopo de Barbari, in denen der Fortschritt der Linien- und Punktiertechnik und der zunehmende Einfluss Dürers augenfällig werden, und einen vierteiligen „Triumph des Glaubens“ nach Tizian, der in der Ausstellung einen besonderen Platz einnimmt.

          Denn der „Trionfo“ war für Kristeller, der sich auf Vasari berief, der Beweis für Tizians frühes Interesse am Holzschnitt und „das erste Beispiel des freien malerischen Holzschnittstils“ in Italien. Heute betrachtet man die pathetische Prozession von Heiligen, Kirchenvätern und properen Jungfern im Gefolge der Ureltern Adam und Eva mit weniger Rührung, aber die Magie des Namens Tizian wirkt dennoch nach, und sei es nur in der Sorgfalt, mit der die Kuratoren die 1543 in Antwerpen publizierten Blätter ausleuchten.

          In der Person Kristellers feiert sich das Kupferstichkabinett auch selbst. Unter seinem dritten Direktor Friedrich Lippmann wurde der zweiteilige Passepartout aus Karton von 1876 an zum konservatorischen Standard, die bis dahin üblichen Alben wurden in besser aufzubewahrende Einzelblätter zerlegt, und auch die Katalogisierung mit Signaturen und Karteikarten erreichte bereits ihr heutiges Niveau. Bevor Kristeller nach Bologna ging, schickte er Muster von Stempeln, Passepartouts, Fälzelstreifen und Grafikkassetten an das italienische Bildungsministerium. Die letzte Vitrine zeigt diese Hilfsmittel zur Aufbewahrung von Kunst, als wären sie der perspektivische Fluchtpunkt der Ausstellung. Und in gewisser Weise sind sie das auch.

          Mich tröstet die Liebe zur Kunst. Paul J. Kristeller zwischen Berlin und Italien. In der Gemäldegalerie am Kulturforum, Berlin; bis zum 11. Oktober. Kein Katalog.

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