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Ein neuer Michelangelo? : In Spanien haben die Soldaten mit dem Kopf Fußball gespielt

  • -Aktualisiert am

Restauriert und neu zugeschrieben: Der verschollen geglaubte „Johannes der Täufer“ von Michelangelo ist aufgetaucht - das behauptet zumindest ein italienischer Kunsthistoriker.

          Michelangelo oder nicht? Das ist für eine Skulptur des Johannesknaben, die nun in Florenz präsentiert wurde, umso mehr die Frage, als es das intakte Werk nicht mehr gibt. Fraglos ist einzig, dass ein jugendlicher Johannes der Täufer - im italienischen Jargon „Giovannino“ - von Michelangelo Buonarotti gegen 1496 geschaffen wurde. Die Identität des als verschollen angesehenen Werkes mit einer schwer beschädigten Statue aus dem spanischen Renaissance-Städtchen Úbeda sieht jetzt der Kunsthistoriker Francesco Caglioti als gesichert an. Caglioti ist Experte für Skulpturen der Renaissance, lehrt in Neapel an der Universität FedericoII und tritt als wissenschaftlicher Kronzeuge der sensationellen Zuschreibung auf.

          „Ein Traum ist wahr geworden. Es ist das Ende einer sehr, sehr langen Geschichte.“ Mit diesen Worten stellte der Fürst von Segovia, Ignacio de Medina y Fernàndez de Còrdoba, die zusammengesetzte Statue in Florenz einer Öffentlichkeit von Fachgelehrten vor. Der Fürst tritt im Namen der Familienstiftung des Hauses Medinaceli als Besitzer auf und hat ein verständliches Interesse an der Provenienz: Der „Giovannino“ hatte seinen Ehrenplatz in einer Altarnische der „Capilla de El Salvador“ zu Úbeda, wird im Herbst dort wieder aufgestellt und soll massenhaft Touristen anlocken.

          Die Medinaceli-Familienstiftung hatte nie aufgehört, an Michelangelo als Schöpfer ihres Kleinods zu glauben, seit 1930 der spanische Kunsthistoriker Manuel Gómez Moreno die Verbindung herstellte. Tragischerweise wurde das Kunstwerk im Juli 1936 von marodierenden Republikanern im Bürgerkrieg schwer zerstört; mit dem Kopf sollen die Soldaten gar herumgekickt haben. Entsprechend ruinös kam der Marmorhaufen 1994 im berühmtesten Kunstlabor der Welt, im Opificio delle Pietre Dure zu Florenz, an. Siebzehn Stücke, die zusammen vierzig Prozent des originalen Werkes ausmachen und jetzt mit starken Ergänzungen wieder zu einer Figur verschweißt wurden.

          Eine Sensation in der Schwebe

          Für die Zuschreibung hatte die Zerstörung schwerwiegende Folgen: Es gab nur unzureichendes Fotomaterial, was es beispielsweise 1958 dem Malereiexperten Roberto Longhi leicht machte, die Úbeda-Skulptur im Kunstpapst-Jargon als „schwächlich“ abzutun. Longhi hatte nämlich mit einer Figur aus der Florentinerkirche zu Rom einen eigenen Kandidaten. Es gab ohnehin etliche Anwärter für die vermisste Statue, die noch zu Michelangelos Lebzeiten in einer Biografie von 1553 erwähnt und von Vasari 1568 aufgegriffen worden war. Es gibt sogar eine Motivzeichnung von Baccio Bandinelli (heute im Louvre). Aufgrund dieser Indizien hatte schon im neunzehnten Jahrhundert Wilhelm von Bode in Pisa eine Johannesfigur angekauft und als Michelangelo nach Berlin in die Staatlichen Museen geholt. Die Statue wurde indes noch vor dem Zweiten Weltkrieg Pietro Francavilla zugeschrieben - und verging 1945 für immer in den Flammen.

          Weiterer Anwärter für Michelangelos verschollenes Meisterwerk war eine Figur aus der Pierpont Morgan Library in New York, die man heute für ein Werk des Giovan Francesco Rustici aus dem sechzehnten Jahrhundert hält. Ein anderer verdächtiger Täufer aus dem Florentiner Bargello wurde erst an Donatello rückdatiert und ging dann an Francesco da Sangallo. Man sieht: Die Händescheidung der Hochrenaissance-Skulpturen ist noch komplizierter als bei den Gemälden. Professor Caglioti sieht nun aber gerade in der sogenannten Manchester-Madonna aus der Londoner National Gallery ein passendes Vergleichsbild für seinen Fund. Bei einer Menschenfigur, deren Originalteile schwer beschädigt sind und entscheidende Partien wie Mund und Kinn sowie Beine nach Fotos ergänzt werden mussten, wird man kaum ein endgültiges Urteil fällen können.

          Immerhin - gerade der philologische Teil des Zuschreibungskrimis überzeugt. Caglioti weist auf das Jahr 1537 hin, in dem die Medici-Herrschaft in der Toskana vom damaligen Kaiser Karl V. durchgesetzt und garantiert wurde. Als „diplomatisches Geschenk“ an Karls allmächtigen Sekretär Francisco de los Cobos ging damals per Sondertransport eine Statue über See nach Cartagena und dann nach Úbeda, wo sie neu gebaute Grabkapelle von Cobos schmücken sollte. Eine toskanische Herkunft der Figur - oder was von ihr übrig ist - dürfte damit ebenso belegt sein wie die Tatsache, dass der „Giovannino“ des Michelangelos 1496 für Lorenzo di Pierfrancesco de’ Medici entstand. Sollte sich keine weitere Verbindung zwischen diesen beiden Fakten finden lassen, wird der „neue Michelangelo“ freilich eine Sensation in der Schwebe bleiben.

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