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Ein neuer Leonardo? : Er rettet die Welt mit segnender Hand

Man will es glauben und wagt es doch kaum: In New York gibt es ein Gemälde, das die Experten, die es in Augenschein nehmen konnten, Leonardo da Vinci zuschreiben. In London wird es im Herbst der Öffentlichkeit präsentiert. Ein Kunstkrimi.

          Wäre alles gelaufen, wie geplant, hätte die Londoner National Gallery wohl im Herbst bekanntgegeben, dass sie noch eine Trophäe für ihre bevorstehende Leonardo-Ausstellung gesichert habe: eine frisch entdeckte Darstellung Christi als segnender Heilsbringer der Welt. Aber vorschnelle Presseberichte, die einer Fülle von Spekulationen Vorschub geleistet haben, warfen das Programm aus der Bahn. Wie Sensationsmeldungen über wiedergefundene Altmeisterwerke die Phantasie beflügeln, zeigt an diesem Wochenende wieder die fragwürdige Meldung von einer „verlorenen“ Kreuzigung Michelangelos, mit einer Zuschreibung an Marcello Venusti in Campion Hall, einem der Universität Oxford angegliederten Studienhaus der Jesuiten. Derselbe Restaurator, der dieses Gemälde entdeckt haben will, hatte vor kurzem behauptet, eine unter dem Sofa eines Ehepaars im amerikanischen Buffalo verstaute „Pietà“ sei ebenfalls von Michelangelo.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Alles, nicht zuletzt die Bereitschaft der Besitzer des „Salvator Mundi“, die Tafel der Prüfung durch mehrere angesehene Leonardo-Experten zu unterziehen, deutet darauf hin, dass dies eine Entdeckung von ganz anderer Qualität ist. Leider hat die Art der Bekanntwerdung den ersten Eindruck getrübt. Nachdem die Nachricht von diesem Leonardo-Fund im amerikanischen Handel ruchbar geworden war, dauerte es Tage, bis eine offizielle Verlautbarung erging. Das hat die unglückliche Folge, dass Gerüchte und Mutmaßungen über die Besitzer, deren angebliche Preisvorstellungen - es werden Beträge von bis zu 200 Millionen Dollar genannt - und deren Absichten die mögliche kunsthistorische Bedeutung in den Hintergrund gedrängt haben. Zumal Robert Simon, der amerikanische Händler, dem das Bild zusammen mit einigen Kollegen zu gehören scheint, sich - aus Gründen der Sicherheit und der Diskretion, wie er beteuert - nicht deutlich äußern will zu den Umständen, unter denen er das Bild erworben hat. Hinzu kommt, dass erste Berichte mit falschen Abbildungen des jetzt zur Debatte stehenden „Salvator Mundi“ illustriert waren.

          Danach verliert sich die Spur bis 1900

          Aufgrund zahlreicher leonardesker Kopien und eines 1650 datierten Stichs des böhmischen Graphikers Wenzel Hollar, der sich ausdrücklich auf Leonardo beruft, wird seit langem vermutet, dass der Künstler dieses Motiv gemalt hat. Das bekräftigen zwei Blätter in der königlichen Sammlung in Windsor, eine Draperiestudie und eine Zeichnung der segnenden Hand. Somit wird nicht zum ersten Mal behauptet, dass das eigentliche Bild wieder aufgetaucht sei. Zu Beginn der achtziger Jahre versuchte die Kunsthistorikerin Joanne Snow-Smith die Authentizität einer, wie sie argumentierte, vom französischen König in Auftrag gegebenen Darstellung des „Salvator Mundi“ zu belegen, die sich damals im Besitz des Marquis de Ganay befand. Sie konnte die Wissenschaft jedoch nicht überzeugen. Mit Robert Simons Bild scheint es sich anders zu verhalten: Unter den Fachleuten, die die Tafel selbst in Augenschein nehmen konnten, spielen zwar einige die Bedeutung der Entdeckung wegen des bedenklichen Zustands herunter, doch stellen sie die Zuschreibung nicht in Frage. Im Übrigen gilt Simon als seriöser Händler. Obendrein ist er ein angesehener Kunsthistoriker, der insbesondere über Bronzino forscht. Für die renommierte kunsthistorische Zeitschrift „Burlington Magazine“ hat er unlängst die große Bronzino-Ausstellung in Florenz rezensiert.

          Nach seiner Darstellung handelt es sich bei dem „Salvator Mundi“ um eine Tafel, die einst Karl I. gehörte und nach seiner Hinrichtung verkauft wurde. Bei der Restitution der Monarchie wurde auch dieses Bild in die königliche Sammlung zurückgeführt. Von dort ging diese in den Besitz des Herzogs von Buckingham, eines Lieblings Karls II., über, dessen Sohn sie 1763 versteigerte. Danach verliert sich die Spur bis 1900. Dann taucht das Gemälde als ein Werk aus dem Umkreis des Leonardo-Schülers Giovanni Antonio Boltraffio in der superben Sammlung der englischen Textilhändlerfamilie Cook wieder auf. Die Tafel sei von Sir Frederick Cook erworben worden, dem Sohn des Begründers der Sammlung, die inzwischen über Museen in aller Welt verteilte Meisterwerke umfasste. Sir Frederick soll nach Auskunft seiner Enkelin nur ein einziges Bild erworben haben, ein „zweitrangiges“, wie sie bemerkte.

          Verluste in der Gesichtspartie deutlich erkennbar

          Mag sein, dass der „Salvator Mundi“ gemeint ist, den die Cooks 1958 für 45 Pfund versteigern ließen. Denn Simons Tafel war, als sie nun aus amerikanischem Nachlass erworben wurde, bei früheren Restaurierungen durch schwere Übermalungen entstellt worden: So war ein noch immer sichtbarer Riss im Walnussholz mit Gips überspachtelt. Die jetzigen Besitzer scheinen anfangs weniger an eine Zuschreibung an Leonardo gedacht zu haben, als von dem Verdacht, dass sich unter diesen Schichten von Farbe, Dreck und Firnis mehr verberge, als das Bild in seinem aufgefundenen Zustand darstelle. Erst allmählich habe die Qualität aufgedeckter Passagen, insbesondere die segnende rechte Hand und die linke Hand mit der für Leonards Deutung der Figur des Heilsbringers symbolisch typischen Kristallkugel, deren Blasen auch in Hollars Stich sichtbar sind, eine Zuschreibung an Leonardo zugelassen.

          Kunsthistoriker, die das unter Aufsicht von Dianne Dwyer Modestini vom Konservierungszentrum des Institute of Fine Arts in New York restaurierte Gemälde sahen, glauben, dass es sich um ein schwer beschädigtes Original handelt. Selbst in der Abbildung sind die Verluste in der Gesichtspartie deutlich erkennbar. Jede Entdeckung dieser Art sei historisch bedeutend, sagt einer der Fachleute, der die Tafel kennt. Er meint jedoch, dass die bedenkliche Qualität weder den gerüchteweise genannten Preis noch die Einbeziehung in die Londoner Ausstellung rechtfertige, zumal die National Gallery damit ein Händlerobjekt adle.

          Leonardos Wahrnehmung des Wunderbaren

          Die National Gallery sieht es anders: Sie hat sich vergewissert, dass das Gemälde nicht zum Verkauf stehe. Das versichert auch Simon gegenüber dieser Zeitung. Er gibt zu, dass vor einigen Monaten Gespräche mit einem Museum stattfanden - dem Vernehmen nach mit Boston -, doch sei das Bild schon lange nicht mehr auf dem Mark, und die Besitzer verfolgten auch keine Verkaufsabsichten. Gegenteilige Berichte seien unzutreffend. Für die National Gallery überwiegt der Gewinn, den die Wissenschaft und die Öffentlichkeit aus der Betrachtung des Werks ziehen können, die Bedenken. Alles, was zur Kenntnis dieses von Vasari als göttlich bezeichneten Meisters beitrage, sei von Wert, sagt Luke Syson, der die Ausstellung kuratiert. Der „Salvator Mundi“ wird neben der „Madonna mit der Spindel“ und dem Karton der „Heiligen Anna Selbdritt“ gezeigt werden.

          Um zu begreifen, weshalb die Museumsschau so hohe Wogen schlägt, muss man in Erinnerung rufen, dass von Leonardo, dem wohl berühmtesten Maler überhaupt, nur etwa fünfzehn eigenhändige Gemälde überliefert sind - je nach dem, wie man zur Zuschreibung des ein oder anderen umstrittenen Werks steht. Die Londoner Ausstellung wird mehr als die Hälfte dieses Bestands vereinen. Das sei eine einzigartige Gelegenheit, die Authentizität des „Salvator Mundi“ auf den Prüfstand zu stellen, hebt Syson hervor; es wäre töricht und kurzsichtig, diese Chance nicht zu nutzen. Die Bedeutung des Gemäldes liege nicht zuletzt darin, was es - ähnlich wie Dürers christusähnliches Selbstporträt in München - über Leonardos Wahrnehmung des Wunderbaren aussage und dessen Fähigkeit, nach den Worten Vasaris etwas zu offenbaren, „was von Gott verliehen“ sei. Vasari berichtet, Leonardo habe den Kopf Christi im Mailänder Fresko des „Abendmals“ unvollendet gelassen, da er sich nicht zutraute, ihn „so voller göttlicher Erhabenheit, wie es sich für die Gestalt Christi ziemt, darstellen zu können“. Womöglich hat er das mit dem „Salvator Mundi“ nachholen wollen.

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