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Ein Kurzführer : So wird die documenta 12

Die documenta in Kassel ist die wichtigste Ausstellung der Welt für die Kunst unserer Gegenwart. Jede documenta ist ein Experiment, aber diese zwölfte ist besonders angriffslustig, wenn es darum geht, den gewohnten Umgang mit der Kunst zu unterwandern. Ein Kurzführer.

          So kennt man es: Typische Vorstadt-Nachkriegsarchitektur, cremefarben gestrichen, damit das Ganze südlicher aussieht, den Rasen davor hat der Hausmeister mit Hingabe so kurzgemäht, dass er aussieht wie ein grüner Teppich und jeden Tag gesprengt werden muss. Ein Mietshaus in Kassel. Aber wenn man genauer hinschaut auf dieses Foto, das der nigerianische Fotograf und documenta-Teilnehmer George Osodi gemacht hat, entpuppt sich der ganze surreale Wahnsinn dieses Deutschlandbildes.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Man sieht drei Arten, mit den Zumutungen der Moderne umzugehen: Ganz unten Resignation - hier hat einer aufgegeben, ist weg oder lebt ein betoniertes Leben; darüber am Balkon hysterisch wuchernder Protest gegen den eckigen Geist der Moderne, das florale Geschwür der rationalen Architektur; ganz oben dann schüchterner Illusionismus mit zartgeblümtem Schirm und Fensterschmuck, der Sterne vorgaukelt, wo nur ein Guckloch ist. Wie einst europäische Ethnologen Afrika erkundeten, fotografiert Osodi deutsche Häuser und tätowierte Kasslerinnen, und man findet sich in diesen Bildern als seltsam fremdes Wesen wieder.

          Verzicht auf Stars

          Entschlossen drehen der documenta-Leiter Roger M. Buergel und seine Frau und Kuratorin Ruth Noack an den Blickachsen der Gegenwart. Sie luden den Künstler Ai Wei Wei ein, der 1001 Chinesen nach Kassel fliegen lässt; die Fotos und Filme, die bei ihrer Reise entstehen, sollen sie am Ende bei Ai Wei Wei abgeben. Die Invasion ist nicht nur als soziokulturelles Event, sondern auch als eine gewaltige transkulturelle Bildmaschine gedacht, in der sich unser eigenes Bild anders spiegeln soll.

          Was passiert auf dieser documenta? Wer in Kassel einen Überblick über den aktuellen Gegenwartskunstboom und seine Produkte sucht, wird heftig enttäuscht; denn die documenta 12 ist - tja: ein Experiment, wie man Kunst jenseits der marktgesteuerten Interessen zeigen und erfahren und wohin diese Form ästhetischer Bildung führen kann, sagen die einen. Eine optische Zumutung mit zweifelhaften Axiomen und obskuren Arbeiten, sagen die Kritiker. Für beide Haltungen gibt es Gründe.

          Wenn man den Kuratoren wohlgesinnt ist, kann man sagen: Wie mutig, ausgerechnet in dem Moment, in dem Gegenwartskunst zum Modephänomen und Massensport wird, hier nicht die Stars der aktuellen Kunstwelt zum Gipfeltreffen zu versammeln, sondern die Schau zu einem Ort ganz anderer ästhetischer Erfahrungen zu machen - und in einer experimentellen, radikalen, vergessenen Kunst vor allem aus den sechziger Jahren die Schlüssel für eine neue Sicht auf die Gegenwart zu suchen. Zuletzt wurde auf der documenta IX so viel ältere Kunst als „kollektives Gedächtnis“ gezeigt.

          Dachboden der Kunstwelt

          Das ist die freundliche Lesart. Die weniger freundliche lautet: Die Chance wurde verspielt, die Kunst der Gegenwart endlich nicht nur auf Messeständen nebeneinander, sondern in erhellende Zusammenhänge zu stellen. Ein weiterer Vorwurf lautet, dass Buergel und Noack sehr ungeniert ihren gewöhnungsbedürftigen persönlichen Kunstgeschmack - wie Peter Friedl oder Kerry James Marshall - in die Hallen walzen, anstatt wichtigere Künstler, die zu ihrem Fragenkosmos weit besser passen - wie Gordon Matta Clark, Cady Noland oder Lucy McKenzie -, zu zeigen.

          An vielen Stellen wirkt diese documenta tatsächlich, als sei sie der Dachboden der Kunstwelt, der Ort, an dem alles zu sehen ist, was sonst nirgendwo gezeigt wird: Verstaubtes, Unbrauchbares - aber eben auch vergessene Schätze. So gibt es spannende Randfiguren einer experimentellen, utopiefreudigen Kunst zu entdecken: Charlotte Posenenske (1930 bis 1985) etwa baut Skulpturen, die man selbst verändern darf - auf der documenta sind ihre Türflügelobjekte zu sehen.

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