https://www.faz.net/-gqz-uv31

Ein Kurzführer : So wird die documenta 12

Oft geht es um die Grenzen der Kunst, um die Frage, wie Ästhetik, Form und Politik zusammenfinden, und viele Künstler werden in Kassel gezeigt, die ihr Werk zugunsten der politischen Arbeit aufgaben: Posenenske tat es ebenso wie die argentinische Künstlergruppe Tucumán Arde, deren Mitglieder teilweise Guerrilleros wurden.

Buergels Unschärfespiel

Zentral bei dieser documenta 12 ist Buergels Idee von der „Migration der Formen“, die ihre Vorbilder in André Malraux' „Musée imaginaire“, noch mehr aber in Aby Warburgs „Pathosformeln“ findet. Das ist nicht ungefährlich; denn wo immer in der Kunst das epochen- und kulturübergreifende Leben der Formen verfolgt wurde, bestand die Gefahr, dass Dingen, die sich phänotypisch zufällig ähnlich sehen, in bester kunstpsychologischer Tradition innere Korrespondenzen angedichtet wurden. Was allerdings nicht heißt, dass die suggestive Kombination von Dingen, die eigentlich nichts verbindet, nicht auch erhellend sein kann - und ein Kurator darf, anders als ein Kunsthistoriker, gern auch einmal selbst den surrealistischen Künstler geben.

Wie also bekommt der gezeigten Kunst das Migrationsspiel? Ein Beispiel: In einem Raum sieht man Iole de Freitas' turbulent schwingende Skulptur, die an die utopische brasilianische Moderne der sechziger Jahre erinnert, daneben ein älteres Gemälde von Lee Lozano, auf dem eine Kippfigur das Auge ins Taumeln bringt, und wiederum daneben ein 1977 gemaltes Bild von Gerhard Richter, das seine Tochter Betty angeblich in der Pose toter RAF-Terroristen zeigt. Formal verbindet die drei Werke der Zusammenbruch der Kategorien „Innen“ und „Außen“, das Taumelnde, Orientierungsverwirrende, das einmal als Traum von einer kindlich beschwingten, freieren Welt, einmal als Trauma der zerstörten Revolutionshoffnungen erscheint. Doch ob hier außer einem diffusen Gefühl des Taumels tatsächlich etwas „migriert“, das ist die Frage.

Manche empfinden Buergels Unschärfespiel mit den Formen als Befreiung; denn die documenta litt allzu oft an einer ideologischen Einengung. Besonders auf der documenta 2 wurden abstrakte Kunstwerke wie amerikanische Raketen aufgereiht, als Ausdruck und Verteidigung der freien Welt. Dass das Informel wesensbedingt, anders als die Pop-Art, keine explizite politische Kritik am eigenen System liefern konnte, war eine der ironischen Volten der Nachkriegsmoderne. Das Mohnfeld, das Sanja Ivekovic jetzt als gigantisches Farbfeld, als botanische Version eines Barnett-Newman-Gemäldes, vor dem Fridericianum angepflanzt hat, ist - so gesehen - auch ein Gruß an den abstrakten Expressionismus, der bei den ersten documenta-Schauen den Überwältigungs-, Erbauungs- und Erhabenheitsanspruch moderner Kunst zementierte.

Raus aus der Lethargie

Buergel und Noack setzen auf partizipatorische Kunst. Der Franzose Saâdane Afif stellt Verstärker und Gitarren bereit: Aber darf man hier, soll man hier selber spielen? Und was soll man mit den seltsamen wannenhaften Objekten machen, die der Künstler Ricardo Basbaum an Haushalte in Kassel verteilt hat, jeweils 125 mal 80 Zentimeter große Dinger mit einem Loch in der Mitte? Fragen über Fragen, und schon ist man mittendrin in der Kunst, ist kein Betrachter mehr, sondern Gast, Komplize, Parasit oder Gefangener der Kunstwerke, je nachdem.

Am Ende bewegt sich Buergel sehr dicht am Pathos der documenta-Väter Arnold Bode und Werner Haftmann. Es geht ihm um Ästhetik, Form und Freiheit - um Ästhetik als visuellen Erfahrungssprengsatz, der die Besucher „aus ihrer Lethargie holen“ und sie aktivieren soll, ihre Gegenwart anders zu sehen. Das ist ein großer Plan. Ob er in Kassel gelingt, wird sich in den kommenden hundert Tagen zeigen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Donald Trump, Präsident der Vereinigten Staaten, spricht bei einer Wahlkampfkundgebung im Lake Charles Civic Center.

Amerika : Vereinzelte Republikaner wenden sich gegen Trump

Einzelne Republikaner erwägen, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump zu unterstützen. Die Mehrheit steht nach wie vor hinter ihrem Präsidenten und will das auch mit einer offiziellen Abstimmung bestätigen.
Der britische Premierminister Boris Johnson steht beim EU-Gipfel in Brüssel im Zentrum.

Europäische Union : Britisches Parlament stimmt über Brexit-Vertrag ab

Stimmt das britische Unterhaus heute für den Vertrag, den Premierminister Boris Johnson mit der EU ausgehandelt hat, wird Großbritannien am 31. Oktober aus der Europäischen Union austreten. EU-Kommissar Günther Oettinger schließt weitere Verhandlungen aus, sollte es nicht zu einer Einigung kommen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.