https://www.faz.net/-gqz-88q8o

Christiane Lange im Gespräch : Vielleicht gibt es einfach zu viele Museen

  • -Aktualisiert am

Mehr Besucher, mehr Anbauten, mehr Ausstellungen: Ständiges Wachstum schädigt die Museen und am Ende auch die Kunst. Brauchen wir eine neue Bescheidenheit?

          Frau Lange, Sie sind im Januar 2013 als Direktorin an die Staatsgalerie Stuttgart gekommen, ein Museum also mit einer bedeutenden Sammlung, die von Hans Holbein bis zu Katharina Grosse reicht. Dreizehn Jahre lang waren Sie an der Münchner Hypo-Kunsthalle, einem reinen Ausstellungshaus ohne Sammlung. Hat das Ihre Sicht auf den Kunstbetrieb verändert?

          Ein Museum hat gesellschaftspolitische Aufgaben. Das hat mich gereizt. Die Stuttgarter Staatsgalerie ist eines der klassischen staatlichen Museen. Es gehört zu seinen Pflichten, Kunstgeschichte nachzuerzählen und erlebbar zu machen, in höchster Qualität. Damit schafft es für die Besucher die Grundlage, die Kunst und unsere Kultur zu verstehen. Das Museum hat das Fach Kunstgeschichte ja erst ins Leben gerufen. Ohne Museen gäbe es keine Kunsthistoriker. Dieser originäre Museumsgedanke steht aber derzeit zur Disposition.

          Man hört die Euphorie, wenn Sie über die Idee des Museums sprechen. Ist die Wirklichkeit ernüchternd?

          An der Staatsgalerie sind wir noch gut ausgestattet, wir stehen nicht mit dem Rücken zur Wand. Wir haben rund zweihundert Mitarbeiter. Wir haben eine riesige Ausstellungsfläche, fast zwölftausend Quadratmeter. Im Gegensatz zu vielen anderen Bundesländern verfügt Baden-Württemberg noch über einen Ankaufsetat, der natürlich, wenn man ihn mit den siebziger Jahren vergleicht, auf eine homöopathische Dosis geschrumpft ist, gerade im Vergleich zu den gestiegenen Kunstmarktpreisen. Wir können weiterhin Werke erwerben, wie jetzt gerade das letzte Wandbild von Oskar Schlemmer. Aber im Vergleich zu früher sind die Möglichkeiten dafür, Sammlungen in die Zukunft weiterzuverfolgen, extrem beschnitten.

          Was gefährdet die Zukunft des Museums?

          Das kapitalistische Modell vom ständigen Wachstum. Alle glauben zu wissen, dass nur wer wächst nicht stirbt. Das war jahrhundertelang in unserer Gesellschaft nicht so. Es war in Ordnung, wenn es stabil blieb. Wenn jemand heute stagnierende Zahlen hat, heißt es: Um Gottes willen, diese Firma wird es nächstes Jahr schon nicht mehr geben. Das macht die Kunstwelt seit etwa zwanzig Jahren, ohne danach zu fragen, ob das gut und richtig ist, bedingungslos nach. Wissen Sie, wie viele neue Kunstmuseen seit 1990 gegründet worden sind?

          Nein.

          Bundesweit siebenhundert. In Baden-Württemberg ist es wie unter einem Brennglas. Hier gibt es 114 Prozent mehr Museen im selben Zeitraum, die privaten mitgerechnet. Alle diese Museen konkurrieren um Geld, Besucher und Aufmerksamkeit.

          Gewachsen ist nicht nur die Zahl der Museen, sondern auch die Zahl der Ausstellungen.

          Allein wenn Sie alle Kunstausstellungen in Deutschland sehen wollten, müssten sie pro Tag 9,3 ansehen. Diese Zahl hängt natürlich mit der Vervielfachung der Museen zusammen. Sie ist ein Produkt davon. Bei jedem neuen Haus stellt man nämlich fest: Zur Eröffnung kamen alle, und danach kommen sie nicht mehr. Was also tun? Budenzauber, Wechselausstellungen. Das kostet wieder Geld. Dafür müssen mehr Besucher kommen. Am Anfang heißt es noch, bei Kultur gehe es um Bildung. Aber unterm Strich sind alle in der Geld-Besucherzahlen-Falle. Wenn nämlich Steuergelder investiert werden, kann niemand sagen: Das machen wir für die Happy Few. Schließlich wird noch eine Pressestelle eingerichtet, weil mehr Öffentlichkeitsarbeit geleistet werden muss. Die kostet wieder mehr Geld und muss also, um sich überhaupt zu rentieren, schon wieder mehr Besucher generieren. Es entsteht ein Wettrüsten. Jeder giert um die Aufmerksamkeit.

          Brauchen wir weniger Museen und nicht mehr?

          Wir müssen uns die Frage stellen, was unsere Gesellschaft will. Ist es uns ein dringendes Anliegen, dass es pro 50.000 Einwohner ein Museum gibt? Oder wäre es für alle interessanter, dass es weniger, aber dafür qualitativ höherwertige Institutionen gibt? Das muss die Gesellschaft entscheiden, das kann ich nicht entscheiden. Wenn ein Museum nur 120 Besucher in der Woche hat, ist es vielleicht sinnvoll, die Öffnungszeiten nur auf Samstag und Sonntag zu legen und unter der Woche zuzumachen. Aber vielleicht ist die Sammlung doch in einem größeren Haus besser aufgehoben, und man macht ganz zu.

          Es sollten also Ihrer Ansicht nach Museen geschlossen werden?

          Auch darüber muss man nachdenken dürfen.

          Das eine ist die wachsende Zahl öffentlicher Museen. Baden-Württemberg hat aber auch die höchste Dichte von Privatmuseen. Gibt es hier auch ein Wettrüsten?

          Ein Museum ist etwas sehr Bürgerliches. Es ist die Idee des Bürgers, einen gemeinsamen kulturellen Begriff zu schaffen. Eben nicht als Fürst zu sagen, ich definiere Ästhetik, ich definiere Geschmack, ich definiere, was mein Volk zu denken hat. So werden die ersten öffentlichen Museen von bürgerlichen Stiftern ergänzt. Ein Städel oder ein von der Heydt waren Bürger. Vor diesem Hintergrund finde ich die Entwicklung problematisch, wonach große Privatsammler einen eigenen Anbau oder Flügel verlangen, wo ihre Sammelleidenschaft eins zu eins für die Ewigkeit weitergeführt werden soll. Alternativ bauen sie gleich ihr eigenes Museum, als wollten sie sagen: Ich zeige euch, wie es geht, ich kann das sowieso viel besser.

          Die Autoindustrie hat das Drei-Liter-Auto, in der Gastronomie gibt es die Slow-Food-Bewegung, in der Architektur die Small-House-Entwicklung. Ausgerechnet das Museum aber, das eigentlich für Nachhaltigkeit steht, scheint auf unbegrenztes Wachstum zu setzen. Wie kommt das?

          Wir brauchen neue Versuchsanordnungen. Wir haben in der Kunstwelt, wie im Kapitalismus, nun seit 1990 nur auf Wachstum gesetzt: mehr Museen, mehr Anbauten, mehr Ausstellungen. Ich finde, das ist genügend Zeit, um zurückzublicken und zu sagen: Wir sehen, dass da Entwicklungen falsch laufen. Das heißt noch nicht, dass man sofort weiß, wie es richtig ist. Eben deshalb möchte ich eine Debatte anstoßen und lade Ende November zu einem Symposion in die Staatsgalerie Stuttgart ein. Die Herausforderungen werden ja nicht weniger.

          Welche Aufgaben muss heute ein Museum schultern, die es früher nicht gab?

          Die Globalisierung der Kunstwelt zum Beispiel. Wie wollen wir diese in unseren Sammlungen abbilden? Wir Museen müssten mit Blick auf die Zukunft genauso Kunst aus Asien, Südamerika oder Afrika sammeln. Wenn aber beispielsweise jetzt einige zeitgenössische chinesische Künstler Riesenpreise erzielen, dann haben wir nicht nur nicht das Geld. Wir haben auch nicht die Expertise, zu sagen, ob es wirklich gut ist. In Deutschland kennt man Ai Weiwei, weil er unseren Freiheitsbegriff in eine für uns verständliche Kunst überführt. Aber wie relevant ist er für China?

          Das klingt jetzt so, als müssten die Museen noch viel schneller wachsen?

          Nein. Nicht jeder muss alles sammeln. Wir müssen sogar darüber nachdenken, zu entsammeln. Nicht im Sinne von: Wir werfen das auf den Kunstmarkt. Nicht im Sinne von: Wir werfen das jetzt weg. Sondern angesichts der Vielzahl der Museen könnte man auch mal sagen: Gut, wir haben hier einen Schwerpunkt, und zum Beispiel ein Werk ist bei uns immer ein Fremdkörper, aber bei euch wäre es das Missing Link. Auch unter staatlichen Museen ließe sich über langfristige Dauerleihgaben nachdenken, und zwar in viel höherem Maße. Wir müssen gemeinsam überlegen, wie wir die Probleme stemmen. Wir sind keine Konkurrenten, wir sitzen alle in einem Boot.

          Trotz der Vielzahl der Museen hat man den Eindruck, dass die Kunstwelt einheitlicher wird. In den Sammlungen wiederholen sich einige Namen wie Luxusketten in Einkaufsstraßen. Hat das die Kunstwelt auch aus der Wirtschaft übernommen: die Markenbildung?

          Museen müssen auf Marken setzen und selbst zu Marken werden, um dem Leistungsdruck standzuhalten, um das Klassenziel zu erreichen. Was ist ein Garant für hohe Besucherzahlen? Das sind Popstars. Und warum sind sie Popstars? Weil sie so teuer sind. Seit Damien Hirsts Aktie gefallen ist, ist es auch um seine Kunst still geworden. Und warum ist Gerhard Richter, dessen Kunst nun wirklich nicht so einfach und eingängig ist, so breit bekannt? Weil er seit Jahren die Liste der teuersten deutschen Künstler anführt. Und das ist der Grund, warum auch Menschen, die sich überhaupt nicht für bildende Kunst interessieren, diese Namen kennen.

          Gleichzeitig haben sich die Orte, wo man zeitgenössische Kunst sehen kann, multipliziert. Welche Rolle spielt das Museum da noch?

          Wenn ich daran denke, was hier in den siebziger und achtziger Jahren für Ausstellungen gemacht wurden und was es für die Künstler damals bedeutet hat, zum ersten Mal im Museum auszustellen – das hat an Bedeutung verloren. Heute gibt es eine Flut von Kunstmessen und Biennalen. Am Anfang gab es nur die Biennale in Venedig, inzwischen gibt es 125. Und raten Sie, wie viele in den letzten 25 Jahren entstanden sind?

          Hundert?

          Genau, 105. Die Möglichkeiten, zeitgenössische Kunst anzusehen, waren noch nie so zahlreich wie jetzt. Müssen Museen Orte für zeitgenössische Ausstellungen sein? Wir können weiter mit dem Füllhorn das Geld über das ganze Land verteilen und immer mehr Institutionen immer weniger geben. Dann gehen uns aber die edlen Erbstücke, die die großen Museen ja sind, kaputt. Oder sollen wir sagen, wir machen 2015 die Schotten dicht - und kaufen keine zeitgenössische Kunst mehr? Adäquat sammeln auf dem qualitativen Niveau, wie wir das bislang getan haben, können wir sowieso nicht. Dann sparen wir das Geld lieber, um den Meister von Meßkirch zu kaufen oder das Oskar-Schlemmer-Wandbild. Wir schließen damit wichtige Lücken in unserer Sammlung, anstatt dem Kunstmarkt noch Geldbeträge hinterherzuwerfen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald Trump : Ein heraufziehender Sturm

          Donald Trump gerät erstmals ins Visier einer amerikanischen Bundesanwaltschaft. Der Präsident bereitet sich auf den Wahlkampf 2020 vor und entlässt auch deshalb wieder einen sogenannten Erwachsenen in der Regierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.