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Christiane Lange im Gespräch : Vielleicht gibt es einfach zu viele Museen

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Nein. Nicht jeder muss alles sammeln. Wir müssen sogar darüber nachdenken, zu entsammeln. Nicht im Sinne von: Wir werfen das auf den Kunstmarkt. Nicht im Sinne von: Wir werfen das jetzt weg. Sondern angesichts der Vielzahl der Museen könnte man auch mal sagen: Gut, wir haben hier einen Schwerpunkt, und zum Beispiel ein Werk ist bei uns immer ein Fremdkörper, aber bei euch wäre es das Missing Link. Auch unter staatlichen Museen ließe sich über langfristige Dauerleihgaben nachdenken, und zwar in viel höherem Maße. Wir müssen gemeinsam überlegen, wie wir die Probleme stemmen. Wir sind keine Konkurrenten, wir sitzen alle in einem Boot.

Trotz der Vielzahl der Museen hat man den Eindruck, dass die Kunstwelt einheitlicher wird. In den Sammlungen wiederholen sich einige Namen wie Luxusketten in Einkaufsstraßen. Hat das die Kunstwelt auch aus der Wirtschaft übernommen: die Markenbildung?

Museen müssen auf Marken setzen und selbst zu Marken werden, um dem Leistungsdruck standzuhalten, um das Klassenziel zu erreichen. Was ist ein Garant für hohe Besucherzahlen? Das sind Popstars. Und warum sind sie Popstars? Weil sie so teuer sind. Seit Damien Hirsts Aktie gefallen ist, ist es auch um seine Kunst still geworden. Und warum ist Gerhard Richter, dessen Kunst nun wirklich nicht so einfach und eingängig ist, so breit bekannt? Weil er seit Jahren die Liste der teuersten deutschen Künstler anführt. Und das ist der Grund, warum auch Menschen, die sich überhaupt nicht für bildende Kunst interessieren, diese Namen kennen.

Gleichzeitig haben sich die Orte, wo man zeitgenössische Kunst sehen kann, multipliziert. Welche Rolle spielt das Museum da noch?

Wenn ich daran denke, was hier in den siebziger und achtziger Jahren für Ausstellungen gemacht wurden und was es für die Künstler damals bedeutet hat, zum ersten Mal im Museum auszustellen – das hat an Bedeutung verloren. Heute gibt es eine Flut von Kunstmessen und Biennalen. Am Anfang gab es nur die Biennale in Venedig, inzwischen gibt es 125. Und raten Sie, wie viele in den letzten 25 Jahren entstanden sind?

Hundert?

Genau, 105. Die Möglichkeiten, zeitgenössische Kunst anzusehen, waren noch nie so zahlreich wie jetzt. Müssen Museen Orte für zeitgenössische Ausstellungen sein? Wir können weiter mit dem Füllhorn das Geld über das ganze Land verteilen und immer mehr Institutionen immer weniger geben. Dann gehen uns aber die edlen Erbstücke, die die großen Museen ja sind, kaputt. Oder sollen wir sagen, wir machen 2015 die Schotten dicht - und kaufen keine zeitgenössische Kunst mehr? Adäquat sammeln auf dem qualitativen Niveau, wie wir das bislang getan haben, können wir sowieso nicht. Dann sparen wir das Geld lieber, um den Meister von Meßkirch zu kaufen oder das Oskar-Schlemmer-Wandbild. Wir schließen damit wichtige Lücken in unserer Sammlung, anstatt dem Kunstmarkt noch Geldbeträge hinterherzuwerfen.

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