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Ein echter Caravaggio? : Heiligenkult mit Licht und Schatten

  • -Aktualisiert am

Alle wollen Caravaggio: Sein Sterbeort Porto Ercole kann mit hoher Wahrscheinlichkeit behaupten, dass die dort gefundenen Gebeine des Malers echt sind. Wie es sich mit dem soeben in Rom aufgetauchten Bild verhält, ist noch ungewiss.

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          In Rom soll im Besitz des Jesuitenordens ein bisher unbekanntes Gemälde von Caravaggio aufgetaucht sein. Das berichtete pünktlich zum vierhundertsten Todestag des Malers die vatikanische Zeitung „Osservatore Romano“. Das Gemälde zeigt das Martyrium des heiligen Laurentius: Ein junger Mann, gebunden auf einen Rost, soll gerade verbrannt werden, seine Hand verkrampft sich, und sein Mund öffnet sich zu einem stummen Schrei. Einige Stilmerkmale – die Nahsicht, die Körpermodellierung mit Licht-Schatten-Effekten und die porträthafte Unmittelbarkeit – weisen ins direkte Umfeld des Malers Michelangelo Merisi, der unter seinem Herkunftsnamen Caravaggio Weltruhm erlangte.

          Allerdings ist das Gemälde, das die Zeitung prominent als Titelbild abdruckte, noch nicht wissenschaftlich untersucht; demnach fehlt eine offizielle Bestätigung der Zuschreibung durch namhafte Kunsthistoriker. So konnte Sybille Ebert-Schifferer, die Direktorin der Bibliotheca Hertziana, des Max-Planck-Instituts für Kunstgeschichte in Rom, deren grundlegendes Werk zu Caravaggio im vergangenen Jahr erschien, das Gemälde noch nicht selbst begutachten. Sie ist allerdings, so sagt sie, nach dem ersten Augenschein „mehr als skeptisch“.

          „Individuum 5“ hat zumindest als Maler gearbeitet

          Zeitgleich mit dieser Entdeckung öffnete in Rom sogar über Nacht ein neuer Caravaggio-Pfad, auf dem man vierzehn Gemälde des Künstlers mit einer anderthalb Kilometer langen Route erschließt. Und selbst in Porto Ercole, wo der Maler am 18. Juli 1610 nach einer Seereise an einer Infektion starb und wo bisher kaum etwas an sein verschollenes Grab erinnerte, regt sich heftig der Heiligenkult. Per Segelboot wurden dort Anfang Juli in einem gläsernen Sarg vermeintliche Überreste des Künstlers angelandet. Die Herkunft der Gebeine aus einem erst 1929 zusammengestellten Massengrab machen den Fund, der nun das anonyme Sterben des Künstlers endlich verorten soll, höchst kurios.

          Experten der Universität Ravenna lieferten einen komplizierten Indizienbeweis: Kriminalhistorische Untersuchungen der Gebeine, aus denen man zuvor die Überreste von Kindern und Frauen aussortiert hatte, ordneten mehrere Reste der Zeit um 1600 zu. Da es immer noch mehrere Männerfunde gab, griff man zu den Quellen, die Caravaggio als „großen und starken Mann“ beschreiben. Das Sterbealter wurde von den Wissenschaftlern auf etwa vierzig Jahre fixiert; Caravaggio starb im achtunddreißigsten Lebensjahr. DNS-Proben bei Bein- und Schädelresten eines großgewachsenen Mannes konnten dann allerdings nicht wie vorgesehen mit ähnlichen Proben von Caravaggios Verwandten in der Lombardei abgeglichen werden, weil man in den Gräbern von Onkel und Bruder des Malers in der Lombardei kein verwendbares Material mehr fand.

          Allerdings legen nachweisbare Konzentrationen von Blei und Quecksilber in den Knochen des „Individuums 5“ den Schluss nahe, dieser Mann könne tatsächlich als Maler gearbeitet haben; denn in den damals verwendeten Farben kamen hohe Konzentrationen dieser Substanzen vor. Weil es im abgelegenen Fischerdorf Porto Ercole sonst keine Maler gab, sprechen die Forscher von einer „Wahrscheinlichkeit von 85 Prozent“, dass an ihrer Indizienkette tatsächlich die Gebeine des Künstlers hängen. Das sommerliche Italien hat nun die Auswahl, was den Kunstfreunden lieber ist: ein neu entdecktes Gemälde oder ein paar alte Knochen.

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