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Edward Gorey : Da geht sie hin, die Unschuld

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Dem Autor und Illustrator Edward Gorey ging es gleichsam um das Entfesseln und die Kontrolle von Emotionen. Eine Ausstellung hat den Schlüssel zu seiner Arbeit.

          Im legendären Literaturjahr 1953, als mit Saul Bellows Roman „Die Abenteuer des Augie March“ ein neuer, selbstbewusster Wind durch die Verlage in Manhattan pfiff und Intellektuelle auf ihre erzieherische Funktion pochten, erschien im Herbst eine kühle Parodie auf dieses laute Unternehmen. „Die unbesaitete Harfe, oder Herr Earbrass schreibt einen Roman“ erzählte in dreißig feinst gestrichelten Federzeichnungen und knapp gehaltenem Text von den Leiden eines kahlköpfigen aristokratischen Herrn beim Verfassen seines Romans und von den Qualen danach wie deprimierenden Partys, öden Besprechungen und beleidigten Lesern.

          Der Autor Edward Gorey hatte allerdings noch nie selbst einen Roman verfasst. „The Unstrung Harp“, so der englische Titel, war sein erstes Büchlein. Gorey wurde 1925 in Chicago geboren, absolvierte nach dem Abitur 1944 zwei Jahre Militärdienst und vier Jahre Harvard College, wo er französische Literatur studierte. Danach verkaufte er drei Jahre lang alte Bücher in Boston. Sein Freund Jason Epstein holte ihn 1953 nach New York zu Anchor Books, einer neuen Taschenbuchreihe, die den Hunderttausenden von Veteranen erstklassige Literatur zugänglich machen sollte, die mit staatlichen Stipendien studierten. Literatur galt als moralisch regenerativ. In sieben Jahren zeichnete Gorey sechzig Covers, die heute begehrte Goreyana-Sammelstücke sind.

          In der Welt des eisigen Alleinseins

          Als Gorey 1997, drei Jahre vor seinem Tod, seine Illustrationen der psychologisch durchtriebenen, aber auch gequälten Erzählungen von Henry James wiedersah, sagte er: „Man hielt damals meine Henry Jameses für besonders gut, wahrscheinlich, weil Hass so stark ist wie Liebe, und ich hasse niemanden mehr als Henry James.“ Schon 1978 hatte er gesagt: „Ich glaube nicht, dass James jemals begriffen hat, wie abscheulich das Verhalten seiner Charaktere etwa in den Aspern Papers ist.“

          Abscheulich („loathsome“) wurde ein Signaturwort in Goreys Werk, das gut hundert eigene Bücher und Hunderte von Illustrationen umfasst. In keinem Werk kommen so viele Kinder so brutal zu Tode wie in Goreys. Sie erfrieren, ertrinken, werden durchbohrt und vergewaltigt (Letzteres in „The Curious Sofa“ von 1961). In kühlen, stahlstichartigen Zeichnungen sterben sie unblutige Tode in einer Welt so eisigen Alleinseins, dass man den Gedanken nicht loswird, es gehe dem Autor um die absolute Kontrolle jeglicher Emotion.

          Immer wieder wird Gorey von Kritikern als Rätsel bezeichnet, vor dessen beklemmender Stille Leser sich in hilfloses Gelächter retten. Die edwardianische Eleganz seiner Zeichnungen und der französische Esprit seiner Texte rückten Tod und Unglück in eine Ferne, die sie zum Schauspiel machen. Viele Leser finden offenbar Gefallen an dieser morbiden Lust an perfekt dargestellter Vanitas. „Wer Gorey liest, verliert seine Unschuld“, schrieb Stephen Schiff 1992, „das Grauen steigt, doch seine Opfer sind zu blutarm und entseelt, um Mitleid oder Angst zu erregen, sein Ton ist zu kühl, um zu bewegen, und so rettet man sich ins Gelächter.“

          Eine klug konzipierte Ausstellung in Hartford, Connecticut, die von einem erstklassigen Katalog begleitet wird, will nun ein wenig zur Enträtselung Goreys beitragen. Völlig überraschend hatte Gorey dem Wadsworth Atheneum seine umfangreiche Kunstsammlung vermacht, weil der Direktor des Museums 1933 zusammen mit Lincoln Kirstein versucht hatte, den berühmten russischen Choreographen George Balanchine zur Gründung einer Ballettschule in Hartford zu bewegen. Vom Tag seiner Ankunft in New York im Januar 1953 bis zu Balanchines Tod 1983 besuchte Gorey Hunderte von Vorstellungen des New York City Ballet, wo Balanchine arbeitete. Es gehört zur exzentrischen Existenz Goreys, dass Balanchine seinen glühenden Verehrer, der sich meist schon mit dem Fallen des letzten Vorhangs in die Lobby begab, durch die der Choreograph kommen musste, für einen New Yorker Verrückten hielt, der immer in der Lobby saß, ohne sich je eine Vorstellung anzusehen.

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