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Exil-Ausstellung in Venedig : An der Lagune, da saßen wir und weinten

  • -Aktualisiert am

Wie verblassende Namen auf Grabsteinen: Edmund de Waals beschriftete „Bibliothek des Exils“ im Ateneo Veneto Bild: Edmund de Waal/Fulvio Orsenigo

Venedig als Stadt des ersten Gettos wie auch der Zuflucht: Der englische Porzellankünstler Edmund De Waal zeigt in der Lagunenstadt eine Doppelausstellung zum Thema Exil.

          Zu den berührendsten Momenten in Edmund de Waals „Der Hase mit den Bernsteinaugen“, dieser Suche nach den Spuren seiner Herkunft, gehört die Beschreibung der Ankunft seines aus Wien vertriebenen Urgroßvaters Viktor von Ephrussi im britischen Exil. Der alte Herr, der für die Bücher lebte, hatte zusehen müssen, wie seine liebevoll zusammengetragene Bibliothek kurz nach der Annektierung Österreichs in Holzkisten verladen und abtransportiert wurde. Als er ein knappes Jahr später seiner Tochter nach England folgen konnte, hing der Schlüssel zum Schrank mit der inzwischen zerstreuten Sammlung von Inkunabeln noch an seiner goldenen Uhrenkette. Es gibt keinen kürzeren Satz in dem Buch als jenen, mit dem De Waal den neuen Status des Ausgestoßenen registriert: „Er war Emigrant.“

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Der Urgroßvater steht mit seinem Schicksal gewissermaßen Pate für die bislang größte Arbeit des Keramikkünstlers, eine mit Blattgold und weißer Porzellanengobe überzogenen „Bibliothek des Exils“, die de Waal im Ateneo Veneto von Venedig installiert hat, einer seit Generationen dem geistigen Dialog gewidmeten Institution. Bestückt mit zweitausend meist übersetzten Werken von Autoren, die in der Fremde Zuflucht gefunden haben, steht die Bibliothek für den Verlust von Heimat und Sprache, für Vertreibung, aber auch für die Überwindung von sprachlichen, kulturellen und zeitlichen Barrieren durch Übersetzung.

          Von Hand beschriftete Porzellanblöcke gliedern die Bücher nach den Herkunftsländern. Wie zur Versinnbildlichung der Obdachlosigkeit hat die freistehende Struktur keine Decke. Über den Köpfen leiden die Seelen Höllenqualen in den von Palma il Giovane bemalten Szenen an der Kassettendecke. In seinem Londoner Atelier benutzt de Waal die weißen Wände für Notizen, in Venedig hat er die Außenwände beschriftet mit den Listen zerstörter und verschollener Bibliotheken aller Zeiten – vom mesopotamischen Ninive bis zum heutigen Mosul.

          Mahnmal und Begegnungsstätte

          Hoch oben windet sich Heinrich Heines Satz – „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“ – auf Englisch und Deutsch um die Kante des rechteckigen Raums. Bei der Übermalung mit der flüssigen Porzellan-Engobe ist die Schrift verwischt worden. Die Schlieren haben die Aura von verblassenden Erinnerungen. Manche Wörter sind nur noch schattenhaft, mitunter gar nicht mehr wahrzunehmen, wie erodierte Namen auf Grabsteinen. De Waal will das Werk denn auch als Palimpsest verstanden wissen.

          Blick in die Ausstellung im Ateneo Veneto Bilderstrecke

          Seine Bibliothek ist ein Mahnmal und zugleich Bewahrungs- und Begegnungsstätte. In der Verbindung von Form, Materie und Schrift sowie in der um Erinnerung, Entwurzelung und Identität kreisenden Thematik wirkt sie wie ein Kompendium der Kernelemente von de Waals Arbeit. Durch den Standort gewinnt das Werk zusätzliche Prägnanz, nicht nur weil die kosmopolitische Handelsstadt ein Schmelztiegel der Nationalitäten und Kulturen war. Die freistehende minimalistische Bibliothek ist auch als Pendant konzipiert zu zehn Arbeiten, die de Waal in der Scuola Canton, einer der fünf Synagogen des venezianischen Gettos, in einen Zusammenhang mit dem Umfeld stellt.

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