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Eberhard Schlotter zum Neunzigsten : Orpheus an der Staffelei

Einblicke in die Unterwelt, die Zärtlichkeit des Anorganischen und Geschichten hinter den Bildern: Über den Maler und Graphiker Eberhard Schlotter, der heute neunzig Jahre alt wird und voller neuer Pläne steckt.

          Der Weg zu den Büros der Kunsthalle Darmstadt führt über eine steile Treppe und einen Gang in der ersten Etage. Links und rechts hängen Radierungen: Ein Paar, das sich in einem Fahrstuhl heftig küsst. Ein spärlich beleuchteter Tunnel, menschenleer bis auf die Silhouette eines Mannes mit Schiebermütze. Aufsteigender Nebel, der einen Menschen verschluckt. Eine Nackte, die mit dem Hintergrund verschwimmt. Ein sitzender Glatzkopf, der zu einer Art Sand zerbröselt und dabei geradezu irritierend friedlich lächelt.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Eberhard Schlotter deutet auf die Wand, dann kichert er und sagt: „Arno Schmidt. Das ist jetzt auch schon so lange her.“ Vielleicht meint er die Serie von Radierungen, die er 1963, vor immerhin knapp fünfzig Jahren, zu Arno Schmidts Roman „Tina oder über die Unsterblichkeit“ geschaffen hat. In dem Buch gelangt Schmidts Erzähler durch einen in einer Litfaßsäule verborgenen Fahrstuhl - wo ihn die rätselhafte Tina das erste Mal küsst - in die Unterwelt.

          Dort warten die Toten darauf, endlich ins große Nichts eingehen zu dürfen, zu verschwinden, sich aufzulösen, was ihnen erst gestattet wird, wenn nichts mehr auf Erden an sie erinnert. Wer im Mittelalter als Knecht auf irgendeinem Hof schuftete, hat gute Karten. Und schlechte, wer sich als Schriftsteller in den Bibliotheken der Welt verewigte.

          An ruhigen Schlaf ist nicht zu denken

          Vielleicht meint Schlotter auch, dass es lange her ist, dass der 1979 gestorbene Schmidt eine derart bedeutende Rolle in der deutschen Literatur gespielt hat, Außenseitermythos hin oder her. Dass sie gemeinsam arbeiteten, dass Schmidt Texte zu Schlotters Bildern schrieb und Schlotter Schmidts Texte illustrierte. Und dass sich Schmidt, als er zum ersten Mal in Schlotters Darmstädter Wohnung war, am nächsten Morgen darüber beklagte, es sei unmöglich, in Gegenwart der Bilder seines Gastgebers ruhig zu schlafen. Schlotter nimmt das zu Recht als Kompliment.

          Vielleicht staunt Schlotter aber auch darüber, wie lange es her ist, dass er sich derart um Schmidt bemühte, und wie befreiend es war, sich von dem rigiden Urteil des Freundes zu emanzipieren. Heute, am 3. Juni, wird Schlotter neunzig Jahre alt. Aus diesem Anlass sind ihm in Darmstadt und Celle zwei große Ausstellungen gewidmet. Unter dem Titel „Ich bin der ich bin“ werden in Celle Porträts des Malers gezeigt, während in Darmstadt eine „Unterm Strich“ betitelte Werkschau verschiedene Stile und Sujets des Malers aufeinandertreffen lässt.

          Da ist der Zyklus der sogenannten Metzgerfamilie, in den fünfziger Jahren begonnen und dreißig Jahre später mit neuer Wucht wiederaufgenommen, Bilder von hässlichen, verzweifelten, wütenden, sterbenden Menschen. Da starrt in „Der Bruder des Metzgers (Hauptberuf)“ von 1958 ein schlagschattenhafter Mann durch ein leergefegtes Zimmer zu einer Wandgarderobe, an der ein einsamer Mantel hängt, während man in „Die selbständige Tochter des Metzgers“ von 1986 um den Maler fürchtet, so aggressiv starrt dort ein junger Mann mit mattem Irokesenschnitt aus dem Bild heraus den Betrachter an, den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt, die Hände zum Fäusteballen bereit. Da ist die „Mutter des Metzgers“ mit dunklem, versteinertem Gesicht in einem Krankenhausbett, eingehüllt in weiße Linnen, und sehr wahrscheinlich ist ihr eingefallener Mund der einer Toten. Und schließlich „Der selbständige Sohn des Metzgers“, der sich gerade eine Spritze in den Fuß setzt und dabei vor einem Spiegel sitzt, um die Nadel akkurat anzubringen.

          Spanische Straßenszenen, ganz ohne Menschen

          Als Gegenpol dazu hängen in Darmstadt Schlotters „Leere Bilder“, entstanden ebenfalls in zwei weit voneinander entfernt liegenden Schaffensphasen: In den fünfziger Jahren, zu einer Zeit also, in der Schlotter seines Amtes als Vorsitzender der „Neuen Darmstädter Sezession“ bald schon wieder müde wird, nach Spanien zieht und dort wundervolle Straßenszenen malt, die ganz ohne Menschen auskommen: Mauern, Bretterzäune, Hintergründe, die wie verputzte Wände das jeweilige Bild begrenzen.

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