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Retrospektive von Martin Parr : Ein All-You-Can-See-Büfett

Bilder, die mittlerweile jeder kennt: Parrs Serie „Last Resort“, entstanden 1983-85 in New Brighton. Bild: ©Martin Parr / Magnum Photos

Die Retrospektive von Martin Parr in Düsseldorf ist eine Riesenwerkschau – gleich vierhundert Einzelbilder werden gezeigt. In der Masse verwandeln sich die Fotos vom Tourismus ihrem Gegenstand an.

          3 Min.

          Athen! In der Mitte der Parthenon, links und rechts die weltberühmten Touristen. Dass die Touristen selbst Weltruhm erworben haben, obwohl sie jedes Weltwunder kaputtmachen, verdanken sie dem englischen Fotografen Martin Parr, der sie in dasselbe Bild gebannt hat wie den Haupttempel des Burgbergs. Zwei Gruppen von ihnen: Eine hat sich rechts im Vordergrund zum Foto aufgestellt, die andere schart sich am linken Rand wohl um ihren kundigen Führer. Die Gruppen drehen sich den Rücken zu, haben nur Augen für die Sehenswürdigkeiten sowie für den Reiseleiter oder den Fotografen, den Lehrer des Hinguckens und den Garanten des Gesehenwerdens. Parr trat hinzu, stellte sich direkt hinter den Gruppenfotografen und nahm auf, was sonst niemand festhält: die Gruppe hinter der Gruppe, die überzählige Masse, die sich in jedes Bild drängt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Das so entstandene Foto will frappieren, ohne zu verblüffen. Es zeigt, was nie zu sehen ist, was aber jeder kennt. Die Touristen wissen ja, dass sie nie allein sind. Bei der Herstellung ihrer Erinnerungsbilder muss der Ausschnitt daher mit der größten Sorgfalt gewählt werden. Im Gegensatz dazu fingiert Parrs Bild die Beiläufigkeit des Schnappschusses. Der Parthenon wirkt etwas zu klein, die Figur des Fotografen in der rechten vorderen Ecke ist beschnitten. Dokumentarischen Wert beansprucht das Foto nicht. Dass Touristen den Weltwundern das Wunderbare nehmen, indem sie einander beim Knipsen stören, wäre ein triviales Symbol für die mit dem Tourismusgeschäft in Kauf genommene Erosion der antiken Bausubstanz. Und ein schiefes obendrein: Die Einbildung des Reisenden, er sei eigentlich allein unterwegs und zum einsamen Genuss des Weltkulturerbes berufen, hat nichts Schützenswertes.

          Man sieht, was man kennt

          Die Gruppe im Vordergrund besteht aus Asiaten. Im Kontrast mit der zweiten Gruppe fällt ins Auge, dass sie alle lange Hosen (oder Röcke) tragen. Aber solche Unterschiede führt Parr vor, um sie als beliebig hinzustellen. Sein Thema ist die Homogenisierung der Erfahrung. Parrs Akropolis-Foto ist ein auf Anhieb verständlicher Witz. In programmatischer Manier erschöpft es sich im Witz: Es will gar kein Bild sein, sofern man von einem Bild erwartet, dass es durch Nachahmung der Welt oder Nachahmung der Nachahmung eine eigene Welt konstituiert. Weder gibt es etwas zu denken, noch stimuliert es Empfindungen. Licht und Schatten spielen keine Rolle, die Abstufung von Vorder- und Hintergrund dient allein der Pointe: Anders als in den Ansichten der klassischen Landschaftsmalerei, die ebenfalls mit den Kulissen der Bildungsreise spielte, mit den aus Abbildungen zu Genüge bekannten Orten, treten Sinn und Bedeutung, Stimmung und Sujet auch nicht für einen Augenblick auseinander. Das Gruppenbild mit Zweitgruppenbild ist x-fach reproduziert worden. Wenn man ihm nun in Parrs Werkschau im NRW-Forum Düsseldorf wiederbegegnet, ergeht es einem wie dem Akropolis-Pilger, ob er kurze Hosen oder lange trägt: Man sieht, was man kennt.

          Sein Thema ist der Mensch in seiner Freizeit: Knokke, Belgien, 2001. Bilderstrecke

          Parrs Fotos sind Denkmäler unseres Weltalters, einer Zeit, die sich über nichts mehr wundern will. Sehenswürdigkeiten gehen selbst auf Reisen: Die Düsseldorfer Schau ist im Kern eine von Parrs Büro aus den bekanntesten Werkserien zusammengestellte Wanderausstellung. Aber wo die Malerfürsten des neunzehnten Jahrhunderts, denen die Bundeskunsthalle kürzlich eine Ausstellung widmete, einzelne Riesenbilder auf Welttournee schickten, um sich als singuläre Genies in Szene zu setzen, da geht in die Aura von Parrs Bildervorratswirtschaft das Massenhafte ein, Lieblingsmotiv und Arbeitsprinzip zugleich. Die Düsseldorfer Ausstellung wird als die bislang umfangreichste Retrospektive beworben. Ein Vorgängerunternehmen reiste unter dem Markennamen „Parrworld“ oder „Planète Parr“. Wie will man das noch überbieten? Mit der Macht der schieren Zahl, den 400 Einzelbildern.

          Klischees des Individualismus

          Was der Besucher mit einem solchen All-you-can-see-Büfett anfangen kann, ist eine Frage der individuellen Diätetik. Unvermeidlich tritt hervor, dass Parrs Rezepte sich wiederholen, dass er den starken Würzmischungen vertraut. Der Sonnenbrand bleibt seine Signalfarbe. Es fehlen neuere Serien über Institutionen wie die Universität Oxford und die City of London, an denen man studieren könnte, ob Parrs Andacht zum Skurrilen im Einzelfall vielleicht doch einen dokumentarischen Zweck erfüllt.

          Öffnen

          Auf eine Ahnung, dass auch der loyalste Parr-Liebhaber sich insgeheim Abwechslung wünscht, lässt die für die Ausstellung entstandene Auftragsarbeit schließen, eine Serie von Porträts und Stillleben aus Kleingärtnerkolonien in Düsseldorf und Umgebung. In aller Pracht der Überdeutlichkeit, die Parr sonst an die Speisereste aus Schnellrestaurants verschwendet, präsentiert er nun den mit Liebe und Geduld gezüchteten Apfel. Jede Frucht ein Unikat, ebenso jeder Gärtner und jede Gärtnerin, mit Rauschebart oder Kopftuch. Dem Vorurteil vom deutschen Ordnungsfanatiker hinter dem Jägerzaun entsprechen diese Miniaturkommunen nicht. Aber das Spießbürgertum ist nicht unbekannt verzogen, sondern in die Machart der Bilder gewandert: Die Posen wiederholen sich, Klischees des Individualismus.

          Auf dem Gelände des Kleingartenvereins „Am Schwarzen Weg“ in Düsseldorf-Vennhausen mit seinen dreizehn Hektar hat Martin Parr einen halben Tag verbracht – so viel wie der Pauschalreisende auf der Akropolis.

          Martin Parr, Retrospektive. Im NRW-Forum Düsseldorf; bis zum 10. November. Ein Band mit der Serie „Kleingärtner“ ist im Londoner Verlag der Buchhandlung Walther König erschienen.

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