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Dürer in Frankfurt : Bilder einer neuen Zeit

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Im Frankfurter Städel wagt man eine neue Sicht auf Albrecht Dürer. Die Schau zeigt, wie in diesem Werk Mittelalter und Renaissance friedlich nebeneinander existieren.

          5 Min.

          Wozu noch einmal Dürer? Die Frage ist leicht beantwortet: Vor dem sattsam bekannten, dem hausbacken vertrauten und populären, dem mit allen Methoden moderner Kunstwissenschaft durchpflügten Werk stellen sich noch immer neue, fundamentale Fragen. Dürer, so sagt man, verkörpere den deutschen Renaissance-Künstler. Aber er tut das auf eine Weise, die den Renaissance-Begriff relativiert, auf den Kopf stellt und entgrenzt. Die epochalen Italiener haben Stilbewegungen initiiert und Entwicklungen vorangetrieben.

          Dürers Werk sprengt immer wieder den ästhetischen Kanon der Epoche und lässt sich keinem geschlossenen Weltbild einschreiben. Wären seine heterogenen Werke nicht dokumentiert und durchweg auch signiert, würde man nie demselben Künstler die weltoffenen Aquarelle und gleichzeitig die expressiven Holzschnitte und Stiche, die souveränen Porträts und die kleinteiligen Altarretabel, das apollinische Menschenbild seiner Adam- und Eva-Figurationen und die ziselierende, nervlich erregte Spätgotik, die der alternde Dürer für seine Ausdrucksbedürfnisse noch einmal mobilisiert, zuschreiben.

          Diesen multiplen, widersprüchlichen, bisweilen flackernden Dürer zeigt jetzt die Ausstellung im Frankfurter Städel, die dritte nach den gewichtigen und materialreicheren Nürnberger Präsentationen von 1971 und 2012. Sie ist essayistisch angelegt und bettet die Werke in zeitgenössische Kontexte ein. Die Frankfurter Schau kann sich noch weniger als die Vorgänger auf die prominentesten, heute fast immobilen Meisterwerke stützen, was aber den Vorteil hat, dass Klischees den Blick nicht versperren.

          In Szene gesetzt ist eine kluge Anthologie mit Andachtsbildern und Porträts, mit den graphischen Zyklen, mit beispielhaften Handzeichnungen, mit Büchern, Kleinplastik, „Design“, mit Kunstobjekten und Geräten - insgesamt sind 280 Werke zu sehen. Der büßende und der meditierende Hieronymus, der frühe von 1497 vor dämmernder Donaulandschaft und der zweiflerisch-zerknirschte „niederländische“ von 1521, rahmen gleichsam die Schau.

          Vergleiche mit Konkurrenzstücken der Zeitgenossen illustrieren die wechselseitige Erfolgsgeschichte von Geben und Nehmen, von Lernen und Lehren, von weitgespannten Dialogen mit der Kunst des Oberrheins, Italiens und der Niederlanden, die Dürer auf seinen Reisen erkundete. Der Parcours zieht sich über zwei Geschosse und sechzehn thematisch akzentuierte Stationen. Der Versuch, Thematik und chronologischen Werkverlauf zu kombinieren, führt hier allerdings hin und wieder zu Verwirrungen.

          Die einzelnen Sektionen widmen sich den großen religiösen Erzählzyklen, der Proportionslehre, den „Meisterstichen“, dem Werkstattbetrieb, den Auftraggebern, zum Ende auch der monströsen „Ehrenpforte“ Kaiser Maximilians, diesem wandgroßen, teppichhaften Triumphbogen aus Papier, der in einer altkolorierten Fassung aus Braunschweig gezeigt werden kann. Gestreift werden auch Dürers kühne Blicke auf die gerade entdeckte Neue Welt, auf Exotika und Kuriosa und zum Schluss die Selbststilisierung, der Nachruhm und Dürer-Kult.

          Frankfurt kann mit einigem Recht historischen Anspruch auf Dürer erheben. Er stützt sich vor allem auf den Heller-Altar, ein aufwendiges Marien-Retabel mit doppelten Flügeln, das der reiche Kaufmann Jakob Heller 1507 für seine Grablege in der Frankfurter Dominikanerkirche bestellte. Diesem Faustpfand ist jetzt ein zentraler Saal gewidmet, der die heute zerstreuten Tafeln zum ersten Mal wieder samt einigen grandiosen Studien vereinigt. Für die Komposition und Feinmalerei hat der Künstler, wie er nicht müde wird, in Briefen zu beteuern, den größten, zeitraubenden und kostspieligen Aufwand getrieben.

          Leider ist die Marientafel im 18. Jahrhundert in München verbrannt, die überlieferte Kopie ist künstlerisch enttäuschend. So überstrahlen heute den Altar die monumental empfundenen Studien, die, wie meist bei Dürer, aufregender sind als seine Malerei, und vor allem Grünewalds monochrome Standflügel, die von einem nie zuvor gesehenen malerischen Furor, einer Intensität, die für Dürer so nicht denkbar war, erfasst und aufgewirbelt werden. Frankfurt erfreut sich ferner eines fast kompletten Bestands der Dürer-Graphik in hervorragender Qualität, die das Städel seinem Gründungsdirektor Passavant verdankt; es besitzt überdies neben zwei Bildern als kostbarsten Schatz dreiundzwanzig Handzeichnungen.

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