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Dürer-Ausstellung in Wien : Der Maler des Mikrokosmos

Albrecht Dürer ist der Ahnherr Alexander von Humboldts bei der Vermessung der Welt. Zum Beweis zeigt die Wiener Albertina fast zweihundert bildschöne Beispiele seiner Mal- und Zeichenkunst.

          5 Min.

          Ein Pelzknäuel in Habachtstellung. Albrecht Dürers „Feldhase“ von 1502 ist ein Flummiball voll gespannter Energie; jeder Muskel aufs Äußerste angespannt, die riesigen Löffel ebenso aufgestellt wie die mikrometerfeinen Härchen auf ihnen, aus den Vorderläufen springt je eine überlange Kralle hervor, die Augen – übrigens mit einem Fensterkreuz in der gut sichtbaren Iris-Reflexion, das auf eine Ateliersituation mit nicht mehr lebendem Tier deutet und nicht auf eine Momentaufnahme in freier Wildbahn – nehmen uns konzentriert und keineswegs freundlich in den Blick. Die überlangen Schnurbarthaare sind seismographisch nach allen Richtungen hin in seine Umwelt ausgestellt. Vor allem aber dieses Fell: Das gesamte Lebewesen ist eine einzige Studie für die unterschiedlichsten Erscheinungsformen von Pelz.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Nicht naturalistisch betrachtet, wie immer wieder behauptet, vielmehr, ebenso wie Dürers Rhinozeros, in unterschiedliche Kompartimente aufgeteilt und unter voneinander stark abweichenden Lichtsituationen untersucht betritt dieser Hase die Kunstgeschichte. Das Brustfell hat eine andere, wesentlich weichere Konsistenz als dasjenige der Hinterläufe, der Flanken oder insbesondere der Ohren; die Lichtsetzung ist bei genauem Hinsehen auf allen beschriebenen Partien höchst unterschiedlich, und so wirkt auch der nach rechts fallende Schatten im ansonsten völlig leeren Weiß des Papiers wie ein ostentativer Hinweis darauf, dass Dürer es hier mit dem größten Hasenmaler des Altertums aufnehmen will, den in Nürnberger Humanistenkreisen wohlbekannten Polygnot. Wie bei all seinen Sujets zergliedert er dabei den Bildgegenstand in Autopsie und setzt ihn im Atelier penibel wieder zusammen, was sich bis zu dem erst postum 1528 veröffentlichten „Buch von menschlicher Proportion“ zieht, in dem er auch Männlein und Weiblein in Modulbauweise ausmisst und zergliedert.

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          Die weltweit größten Dürerbestände

          Dieses genaue Hinsehen ermöglicht jetzt zum ersten Mal seit 1959 eine im Wortsinn Jahrhundertausstellung zu nennende Schau in der Wiener Albertina mit über hundert Papierarbeiten und einem Dutzend Spitzengemälden aus London, Madrid, Florenz oder Lissabon (der „Hieronymus“!), die sich entsprechend lakonisch nur „Albrecht Dürer“ nennen darf, weil sie keinen thematischen Teilbereich, vielmehr sein gesamtes Schaffen chronologisch abbilden will – und kann: Die Dürerbestände der Albertina sind die weltweit größten, da man bis heute die Sammlung der Habsburgerkaiser beherbergt. Schon Kaiser Maximilian wurde von Dürer 1518 auf dem Reichstag „künterfett“, dessen in Wien ebenfalls zu sehende „Ehrenpforte“ für den Habsburger ist mit Dutzenden von Kupferstichbögen, die zusammengefügt einen monumentalen Triumphbogen ergeben, unverändert die größte Papierarbeit der europäischen Kunst. Maximilians Nachfolger Rudolf erwarb um 1600 den von Willibald Imhoff inventarisierten Nachlass, den Dürer selbst noch zu Gruppen wie „Tiere, „Pflanzen“ oder „Porträts“ zusammengestellt hatte, und läutete damit kurz vor dessen hundertstem Todestag 1628 bereits das erste große Dürer-Revival ein. Dieser hatte die Ausblicke in die gesamte Welt als Schaustücke seines überragenden Könnens ständig im Atelier.

          Dabei hatte Dürer, Sohn von Migranten aus dem ungarischen Dorf Ajtós, übersetzt „Türen“ (weshalb das von ihm entworfene Familienwappen wie auch sein berühmtes AD-Monogramm stilisierte Türen zeigt), kein nachahmenswertes Vorbild in seinem eher Massenware produzierenden Ausbilder Michel Wohlgemut. Und schon gar nicht in italienischen Zeitgenossen – gerade letztere fürchten den Deutschen bei seinen zwei Italienreisen für seine unerreichbare Akkuratesse in der schwarz-weiß-grau nuancierten Kunst seiner Grafik und werfen ihm hilflos vor, er verstünde nicht mit Farbe umzugehen. Die viel jüngeren Tizian und Tintoretto sollten zwar ebenfalls Meister in der Kunst der Pelzdarstellung werden, erreichen dies aber auf völlig anderem Wege über die Farbmagie ihrer flirrenden Pelzoberflächen.

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