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Dubuffet-Ausstellungen : Wie ein Weinhändler zum Starkünstler wurde

Er liebte die Außenseiter des Kunstsystems: Ausstellungen in Basel und Heidelberg zeigen Jean Dubuffet in einer Retrospektive und als Paten der Art brut.

          „Kunst – das Wort sollte man nie aussprechen, dieses Wort tötet sofort das, was es bezeichnet.“ So steht’s in einem Brief, den ein später berühmter Künstler an einen damals schon bekannten Mann des literarischen und intellektuellen Lebens in Paris richtete. Das war im Frühjahr 1944, im noch besetzten Frankreich. Wenige Monate zuvor hatte Jean Paulhan einen Besuch bei Jean Dubuffet gemacht, von dessen Bildern er gehört hatte. Paulhan war begeistert, nicht nur von den Bildern selbst, sondern auch vom widerborstigen Anspruch, den Dubuffet mit ihnen anmeldete: für eine Malerei mit „antikulturellem“ Gestus einzutreten, gar nicht auf Kunst abzuzielen, sondern vielmehr mit rohen, ungelenk anmutenden Bildern alle wohltemperierten Kunsterwartungen zu unterlaufen.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Dubuffet war damals schon über vierzig Jahre alt, es war nicht sein erster Versuch mit der Malerei, aber diesmal – ursprünglich ohne die Absicht, seine Sachen zu verkaufen, sondern einige Zeit von Rücklagen seines Weingroßhandels zu leben – wurde es der Durchbruch. Nicht zuletzt wegen des Mentors Paulhan, der seine Entdeckung anerkannt sehen wollte. Der Polemiker gegen die Kunstwelt war deshalb schnell auf dem Weg zur Karriere in eben dieser, selbst wenn es zum großen, in den sechziger Jahren bereits mit stattlichen Retrospektiven etablierten Ruhm dann noch den Umweg über die Vereinigten Staaten brauchte. Entschieden und geschickt im Umgang mit Händlern wie Museumsleuten, machte Dubuffet das Beste daraus für die Sicherung der Freiräume seiner Arbeit, ließ dabei durchaus nicht ab von seinen Vorbehalten gegen die professionalisierte Kunst und warb – Stichwort „Art brut“ – für ausgewählte Amateure.

          Gegen die hochkulturuelle Imprägnierung

          Mit Ernst Beyeler verbanden Dubuffet ab den sechziger Jahren enge Geschäftsbeziehungen. Der einflussreiche Schweizer Kunsthändler verkaufte eine große Zahl von Werken Dubuffets, wählte aus ihnen auch für die eigene Sammlung. Die Fondation Beyeler, in der nun die jüngste Retrospektive Jean Dubuffets gezeigt wird, ist also dafür nicht irgendein Ort. Die Werke aus eigenem Bestand genauso wie die Leihgaben führen es vor Augen. Entstanden ist ein bestechender Parcours, entlang von Bildern und Objekten, welche die Kraft und die Experimentierlust, den Witz und die Hartnäckigkeit, die Materialversessenheit genauso wie die zeichnerische Souveränität dieses Künstlers vor Augen führen. Es ist ein Weg, der von einem Bild, wie es Paulhan bei seinen ersten Besuchen bei Dubuffet sah, bis zu Werken aus den letzten Lebensjahren führt: von den buntfarbig-frontalen Akten der „Leibgardisten“ bis zu den späten Serien, in denen Dubuffet eine Summe zog, auch als ihr Interpret übrigens – er ist ja auch ein Autor, den zu lesen sich lohnt.

          Folgt man diesem Parcours, wird fast spürbar, wie schnell sich Dubuffet von einer Werkgruppe zur nächsten bewegte, das Terrain verschob, sich neue Wege oder besser noch Abzweigungen eröffnete. Sie unter den Titel „Metamorphosen der Landschaft“ zu stellen klingt einschränkender, als es tatsächlich ist. Denn kaum etwas fällt durch den Rost, wenn man den Begriff der „Landschaft“ mit Dubuffet bis zum Äußersten durchspielt, wie die Ausstellung es vorführt: von den in die Horizontale gekippten Landszenen und Pariser Straßen, mit ihren raffiniert ungelenk gezeichneten Menschen und Kühen, zu den noch raffinierter gezeichneten Porträts, auf deren Malgründen sich schon die pastosen Farbreliefs samt Beimischung von allen möglichen, möglichst „niedrigen“ Materialien ankündigen, über die grotesken Körperlandschaften der „Damenkörper“ zu den erdigen Reliefbildern und den gekratzten Figuren in bewegten palimpsestartigen Farbgründen.

          Und dann weiter über das Einmontieren von natürlichen wie vorfabrizierten Bildelementen zu den „Texturologien“ und „Materialogien“, die die Annäherung an einen Nullpunkt der Malerei markieren, an welchem Anfang der sechziger Jahre die markanteste Neuorientierung Dubuffets ansetzte. Zuerst eine kurze Wiederaufnahme von Pariser Straßen- und Fassadengewusel, dann die über zwölf Jahre ausgestaltete, zu Skulptur und Architektur, ja sogar ins theatrale Gesamtkunstwerk („Coucou Bazar“) ausgreifende Formensprache der „Hourloupe“-Werke.

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