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Dresdner Kupferstichkabinett : Zum Geburtstag nur das Schönste

Der Studiensaal des Kupferstich-Kabinetts im Semperbau am Zwinger, 1908. Bild: Kupferstich-Kabinett/SKD/Boswank

Zum 300. Geburtstag beschert sich das Dresdner Kupferstichkabinett eine hinreißende Ausstellung. Wobei die berühmtesten Gäste jeweils nur kurz bleiben dürfen.

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          Kupferstichkabinette leiden unter ihrem traditionellen Namen, in der öffentlichen Wahrnehmung fristen sie deshalb ein Schattendasein; viel besser müssten sie einfach Wunderkammern heißen. Denn in ihnen kann man bestaunen, was die Kunstwelt im Innersten zusammenhält: all die Vorstufen (Studienblätter) und auch Nachwirkungen (Reproduktionsgrafik) dessen, was zum Kanon unseres Bilderwissens gehört – und nicht zuletzt auch einen Gutteil dieses Kanons selbst, den grafischen eben, also alles, was nicht gemalt ist. Etwa das Silberstiftporträt eines Mannes aus dem fünfzehnten Jahrhundert, angefertigt von Jan van Eyck als Vorlage für ein gottlob auch erhaltenes Gemälde, seine einzige überlieferte Zeichnung überhaupt und zugleich dank des Gemäldes die früheste eindeutig zuschreibbare irgendeines Künstlers außerhalb Italiens. Und was für eines! Nur sind solche Preziosen leider extrem empfindlich. Das letzte Mal, dass wir Van Eycks Silberstiftzeichnung sehen konnten, liegt etliche Jahre zurück.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Nun aber wieder. Wenn auch nicht einmal für einen Monat. Dann muss sie aus konservatorischen Gründen wieder ins Dunkel. Von Mitte Juli an ist sie also wieder weg, und mit ihr werden es neun weitere Blätter von Grünewald, Mengs, Toulouse-Lautrec, Maratti, Erhard Altdorfer, Ludwig Richter, Friedrich, Oehme und Mondrian sein – Werke aus insgesamt sechs Jahrhunderten, die neben der stupenden Qualität nur eines gemein haben: Sie gehören dem Kupferstichkabinett Dresden. Das feiert aktuell sein dreihundertjähriges Bestehen mit einer Ausstellung in den eigenen Schauräumen. Die bietet zwar nur rund zweihundert Objekte aus einer halben Million im Bestand, aber schon damit könnte man Tage verbringen. Und da eben auch die berühmtesten – und empfindlichsten – Stücke gezeigt werden, wechselt monatlich die Besetzung der sogenannten „Schatzkammer“, einer kleinen Ausstellung von Rarissimi in der großen Ausstellung von Rara. Einer Wanderkammer in der Wunderkammer.

          Der Trost nach dem Verschwinden der ersten Gäste

          Wer vor Mitte Juli nicht mehr nach Dresden kommt, wird über die ihm entgangenen zehn Blätter mit Andrea del Verrocchio, Cranach, Rubens, Rembrandt, Goya, Klimt oder Tübke getröstet. Oder mit Sofonisba Anguissolas mutmaßlichem Selbstporträt, so dass man Auge in Auge mit der berühmtesten Renaissancekünstlerin steht. Für die ganze Dauer der Ausstellung zu sehen ist Holbeins Vorzeichnung zu seinem Porträt von Charles de Solier und Menzels hinreißende Knabenstudie zu seiner Piazza d’Erbe, beides Meisterwerke in den Dresdner Gemäldesammlungen. Das Kupferstichkabinett verstand sich jahrhundertelang als deren Ergänzung und als Bildungsanstalt für angehende Künstler. Erst mit dem im neunzehnten Jahrhundert einsetzenden Verständnis von Zeichnung auch als autonomes Kunstwerk entstand das heutige Selbstbewusstsein der ehemaligen Dienstleistungseinrichtung.

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          Das beruht in Dresden etwa auf Namen wie Marlene Dumas, Eberhard Havekost, Gerhard Altenbourg oder Asger Jorn – lokale wie internationale Kunst, jeweils aber auf Weltniveau. Auf japanischen Holzschnitten und indischen Miniaturen. Und auf Werken der Fotografie, die hier in Dresden erstmals zu musealen Ehren kamen: 1898 unter dem wichtigsten Leiter des Kupferstichkabinetts, Max Lehrs. Er und neun seiner Kollegen seit 1720 begrüßen die Besucher aus kleinen Porträtdarstellungen heraus gleich zu Beginn des Wunderkammerwegs. Und wenn man liest, wem sich diese Blätter verdanken – unter anderen Anton Graff, Friedrich Preller, Emil Orlik, Otto Dix oder Stefan Moses –, dann bekommt man auch sofort die Wertschätzung von Künstlern für eine Institution vermittelt, die das bewahrt und zeigt, worauf deren eigenes Können beruht.

          300 Jahre Sammeln in der Gegenwart. Im Kupferstichkabinett, Dresden; bis zum 12. September. Danach vom 23. Oktober bis zum 31. Januar 2021 in The Morgan Library & Museum, New York. Der Katalog mit exemplarischen Texten zu 83 Objekten der Ausstellung kostet 29,50 Euro.

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