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Entdeckung in Dresdner Gemälde : Vermeers Briefleserin war nicht allein

Johannes Vermeer malte seine „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ in den Jahren 1657 bis 1659. Bild: Wolfgang Kreische/SKD

Vermeer, neu entdeckt: Nach dreihundert Jahren legt die Dresdner Gemäldegalerie in der „Briefleserin am offenen Fenster“ einen nackten Cupido frei.

          Fast jeder kennt Gerhard Richters „Lesende“ von 1994 vor viel moderner Leere auf der roten Wand im Hintergrund. Was genau die junge Frau mit dem kurzen blonden Zopf liest, bleibt vage verschwommen; dass sie aber mit Hingabe studiert, was da als Papier in ihren Händen ebenso hell wie ihre Schulterpartie überblendet wird, während ein sommerwarmes Licht ihre Wangen rötet, fühlt auch jeder Betrachter vor dem Bild. Dem gebürtigen Dresdner Richter ist die innig in ihre Lektüre Versunkene wohl auch deshalb so perfekt gelungen, weil er von Kindesbeinen an mit einer anderen Leserin vertraut war, die seit 1742 in der Königlichen, heute Staatlichen Kunstsammlung Dresdens in der Galerie Alte Meister hängt: Das „Brieflesende Mädchen am offenen Fenster“ des niederländischen Malers Johannes Vermeer van Delft, wohl im Jahr 1658 entstanden.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Eine junge Frau steht Brief lesend am geöffneten Fenster, in dessen bleigefassten Scheiben sie sich zusätzlich spiegelt. Durch das Fenster flutet wie bei Richter starkes Licht auf sie und den Brief, den sie zwischen Daumen und Zeigefinger ihrer beiden Hände fest eingespannt hat, als dürfe sie das wertvolle Stück Papier auf keinen Fall verlieren. Nicht nur durch den nervösen Griff ins Papier und das aufklärende Licht ist in Vermeers Komposition ein raffiniertes Spiel aus Enthüllen und Offenbaren entfaltet. Auch einen tiefroten Vorhang vor dem Fenster hat die Lesende schnell über dieses gestülpt; rechts wurde vom Maler ein raumteilender Store in dicken grünem Samt für uns zur Seite gezogen. Die Frau wiederum ist in den schmalen Raum zwischen der völlig kahlen, grauweißen Wand und einem Tisch neben ihr gebannt, auf dem pralle Früchte und Naschwerk aus einer weißblauen Fayenceschale rutschen, weil diese schräg auf einem aufgeworfenen Orientteppich als damals übliche Tischdecke in wohlhabenden Haushalten gelegt wurde.

          Ein draller nackter Amorknabe

          Die kostbar in Gelb und Schwarz gekleidete junge Frau liest mit weit hochgezogenen Augenbrauen, was vom Maler noch dadurch betont wird, dass durch die straff nach hinten gekämmten und zu einem Dutt zusammengebundenen Haare viel glatte Stirn bleibt, die durch das helle Sonnenlicht zu einer einzigen Fläche aus Hellgelb und Blond nivelliert wird. Was aber nicht durch das Sonnenlicht weggeblendet wird, ist die deutliche Rötung der Wangen der Lesenden, augenscheinlich durch die Lektüre dessen verursacht, was sie – die ans untere Ende des Briefbogens gerutschten Finger zeigen es – fast fertig gelesen hat: offenbar ein Liebesbrief.

          Dass „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ dabei stets nur ein Hilfsname für das Gemälde und nicht der originale Titel des Künstlers war, geht im Grunde schon aus der Länge des Bildtitels hervor. Dass er noch dazu in die Irre führt oder zumindest am wesentlichen Punkt vorbeischießt, offenbarten gestern die Galerie Alte Meister Dresden mit ihrem Direktor Stephan Koja, zwei Restauratoren, einem Kunsttechnologen sowie deutschen, holländischen und amerikanischen Vermeer-Experten einer staunenden Öffentlichkeit.

          Oben hinter dem grünen Vorhang legt der Restaurator Christoph Schölzel einen nackten Cupido frei.

          Rechts hinter der Briefleserin ruhte wohl zwei Jahrhunderte lang, übermalt im Farbbett unter zwei Firnisschichten, in derselben Größe wie die Lesende ein draller nackter Amorknabe, dessen Linke nach oben in Richtung des grünen Vorhangs ging, dessen rechter Arm aber auf einem Bogen ruht, mit dem er die Lesende ursprünglich mit Liebespfeilen beschoss. Umgeben von einem schwarzen Rahmen hängt der Cupido als Bild-im-Bild-Ensemble über der Frau, wie es Vermeer auf vielen seiner Gemälde zeigt, unter anderem auch auf dem ebenfalls übermalten „Mädchen mit Perlenhalsband“ in Berlin, unter dessen kalkweißer Wand sich eine große Karte befindet. Obwohl schon 1979 (und 2010 in einem Dresdner Katalog erneut) eine Röntgenfotografie des unter Farbe verdeckten Erosknaben veröffentlicht wurde, ging man davon aus, dass der Künstler höchstpersönlich ihn, vielleicht aus Unzufriedenheit mit der Komposition, übermalt habe.

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