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Dresden : Im Zeichen der verglühten Rose

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Wie die Rosen schwarz wurden: Das Deutsche Hygienemuseum zeigt eine große Ausstellung zur Geschichte Dresdens, das sich selbst lange Zeit als Märchenort sehen wollte.

          Mit seinem Untergang ist Dresden zum Troja des zwanzigsten Jahrhunderts geworden. Wie Homers „heiliges Ilion“ versank es in einem Feuersturm, und wie dort steigerte auch in Dresden die Vernichtung die Bauten, Kunstwerke und Menschen der Stadt zum Mythos.

          Ihm widmet sich, anläßlich der Achthundertjahrfeier Dresdens, eine Ausstellung im dortigen Deutschen Hygienemuseum. Sie führt das Doppelgesicht vor, das jedem Mythos zu eigen ist: Wahrheit und Illusion, Glanz und Flitter, Beflügelung und Lähmung.

          Der Mythos Dresden wurde im Feuer des Februar 1945 gehärtet. Geboren aber wurde er im Zeitalter Augusts des Starken - und ausgeformt von den Baumeistern, Künstlern und Museumsdirektoren des neunzehnten Jahrhunderts, die als erste Mythen und Wirklichkeit verglichen. Auch aus dieser Perspektive ist Dresden ein zweites Troja: Als Heinrich Schliemann 1868 Homers Stadt wiederentdeckte, schaute die Öffentlichkeit enttäuscht auf die Ruinen eines Ortes, der weit hinter dem zurückblieb, was das Epos ihm an Pracht zuschrieb. Zur selben Zeit blickte Dresden ernüchtert auf den Unterschied zwischen seinem Bestand und den bezaubernden Veduten Canalettos.

          Neue Schaufronten

          Bald mühte man sich hemmungslos, Wirklichkeit und Mythos eins werden zu lassen: Die Brühlsche Terrasse, der „Balkon Europas“, wurde, unter Beseitigung aller originalen, doch nur maßvoll barocken Bauten, mit Kunstpalästen der Neorenaissance und des Neobarock besetzt. Im Zentrum wuchsen Waren- und Geschäftshäuser, die den Barock eines Permoser oder Dinglinger in Serie reproduzierten und monumentalisierten, und das Stadtschloß erhielt einen neuen Südflügel in hypertropher „Deutscher Renaissance“ sowie neue Schaufronten, die die verschwundenen originalen übersteigernd kopierten.

          Sie gipfelten im „Georgentor“, einer wahren Panzerung aus gründerzeitlichem Pomp, die 1901 dem originalen Portal von 1530 übergelegt wurde. Die Torgruppe, seither der point de vue der Augustusbrücke, wird zur Zeit saniert. Das ist gut so, denn sie ist eines der spannendsten Monumente des Historismus in Deutschland. Doch ihr blankgeputztes wagnerianisches Kraftprotzentum wird mehr denn je den Mythos Dresden aus der Gründerzeit bekräftigen.

          Denn unsere eigene Wahrnehmung wird inzwischen gelenkt vom telematischen Zeitalter und reagiert auf einen Wettstreit von Signalen, Zeichen und Eindrücken, den nur die prägnantesten - vulgo: populistischen - gewinnen können. Für das anstehende Dresden-Jubiläum heißt das, daß der vom plakativen Historismus begründete Mythos Dresden endgültig triumphieren dürfte.

          Eine vernunftbegabte Stadt

          Nicht so in der Ausstellung: Inmitten einer Parade von Dresdner „Events“ wird dort nicht die Oberfläche poliert und Bestätigung proklamiert, sondern, obwohl der Untertitel eine „kulturhistorische Revue“ ankündigt, Innehalten. Daß dies trotz eines rasanten Wirbels aus Installationen, Objekten und Aussagen gelungen ist, wird am Ende deutlich: Während aus Lautsprechern ein Palaver aus Dutzenden Dresdenkommentaren dröhnt, haftet das Auge an einem Transparent der „stillen Revolution“ von 1989.

          Man sieht in sozialistisch leuchtendem Rot die beiden berühmten, kernig einander umschlingenden Arbeiterpranken, unter denen lapidar „Und tschüs“ steht - ein atemberaubend lakonisches Schlußwort auf eine Diktatur, die zum Schrottplatz der Geschichte taumelt. „Leipzig ist die Wirklichkeit. Und Dresden - das Märchen“, so hat Erich Kästner 1923 erklärt. Nun weiß man, daß Dresden inmitten seiner Märchen und Mythen auch als vernunftbegabte Stadt existiert.

          Doch ihr Antrieb war der Mythos. Das zeigt schon das „Luftschlösser“ betitelte Entree: Namensgerecht auf weißer Gaze von oben herab oder vor den Wänden schwebend, bieten sich unrealisierte Visionen aus verschiedenen Epochen dar - Pöppelmanns Schloßentwürfe, die einen Louvre an der Elbe hätten entstehen lassen; Hermann Finsterlins Entwurf für das Hygienemuseum samt dem der Gebrüder Luckhardt, deren Biomorphismus 1920 jene Schlammblasen und Amöben vorwegnahm, die, ebenfalls ausgestellt, Frank Stella 1991 modellierte, als er dem entsetzten Dresden eine neue Kunsthalle im verwaisten „Herzogin-Garten“ andiente.

          Entzückend und charmant

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