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Dresden : Der Künstler und die Stadt: Gerhard Richter in Dresden

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Mit über vierzig Werken in der Galerie Neuer Meister ist der Maler Gerhard Richter in die Stadt seiner Jugend zurückgekehrt. Für den Künstler tief beglückend, für Dresden ein wunderbarer Schock.

          Ein Leben lang habe Gerhard Richter gleichsam mit dem Rücken zu seiner Heimatstadt Dresden gearbeitet, hat einmal ein Kritiker geschrieben. Tatsächlich war die Stadt, in der Richter 1932 geboren wurde und 1951 sein Studium begann, in seinem Werk lange so abwesend wie er in ihr. Ausgerechnet in der Arbeit dieses Künstlers, der so hartnäckig die deutschen Vergangenheiten befragt, bildete Dresden eine Leerstelle. Genauer: eine Auslassung.

          Man mußte beinahe den Eindruck gewinnen, Richter habe sich bewußt gegen Dresden gesträubt, gegen seine Herkunft und frühe Prägung, ganz so wie er sich bis heute weigert, seine Diplomarbeit, ein fünf mal fünfzehn Meter großes, seit Jahren übertünchtes Wandgemälde im Stil des sozialistischen Realismus im Dresdner Hygienemuseum, wieder der Öffentlichkeit zu zeigen.

          Es ist nicht leicht zu sagen, woher dieses Unbehagen an der Geburtsstadt rührte. Vielleicht mischte sich darin Richters Skepsis gegen das Dogmatische, das ihm an der Dresdner Akademie in Gestalt der sozialistischen Kunstdoktrin entgegentrat, mit einem leisen Widerwillen gegen die Erinnerung an eine Kindheit im Krieg; vielleicht spielte auch der Wille zur Stilisierung des eigenen Werks eine nicht ganz unbedeutende Rolle.

          Als habe die große Flut etwas freigespült

          Was immer aber Richters Abwendung von Dresden motiviert haben mag: der Impuls hat seine Kraft verloren. Im siebten Lebensjahrzehnt ist der Maler seiner Stadt neu begegnet. Wie viele andere Künstler stiftete auch der in Köln lebende Richter nach der Flut des Sommers 2002 ein Gemälde für eine Benefizauktion zugunsten von Dresden, und als kurz darauf die Staatlichen Kunstsammlungen den Wunsch äußerten, im "Albertinum" einen Richter-Raum einzurichten, ließ er sich bereitwillig auf den Gedanken ein. Beinahe so, als habe die große Flut etwas freigespült.

          Geradezu schwärmerisch kann Richter heute über die Rückkehr seiner Erinnerungen sprechen, beglückt, daß ihm beim Gang durch Dresden längst vergessene Straßennamen wieder einfallen, Orte und Ansichten der Jugend, die seine Entwicklung beeinflußt haben. Es ist auch diese Euphorie über die Neuvermessung der Topographie seiner Kindheit, die ihn nach einigem Schwanken bewogen hat, Dresden gut dreißig Bilder als Dauerleihgabe zur Verfügung zu stellen, die noch um elf weitere aus dem Besitz eines amerikanischen Sammlers ergänzt werden, der Wert darauf legt, anonym zu bleiben.

          Gezielte Rückverwurzelung seines Schaffens

          Mit einem Schlag besitzen die Staatlichen Kunstsammlungen damit den umfangreichsten Richter-Block aller deutschen Museen. Keine zufällige Blütenlese der neuesten Produktion, sondern einen sorgsam ausgewählten Überblick über das Gesamtwerk. Die Kollektion reicht von frühen "verwischten Fotobildern" wie der "Mustang-Staffel", der "Sekretärin" oder dem "Motorboot" über mehrere "graue" Gemälde und farbintensive "Abstrakte Bilder" aus den neunziger Jahren bis hin zu der Glas-Installation "11 Scheiben".

          Am kommenden Wochenende wird die Ausstellung, die zunächst bis Anfang 2005 zu sehen sein wird, ehe viele der Werke auf Reisen gehen, für das Publikum eröffnet.

          Für Richter ist die Dauerleihgabe gleichsam ein Akt der Selbst-Vergewisserung: eine gezielte Rückverwurzelung seines Schaffens, das auf noch nicht beschriebene Weise mit dem barocken Kosmos der Dresdner Kultur wie mit der ideologischen Enge der verordneten DDR-Kunst verbunden ist, die ihn während seines Studiums im kriegsbeschädigten Akademiegebäude an der Brühlschen Terrasse verstörte - unmittelbar neben dem "Albertinum" also, in das seine Werke nun einziehen.

          Die Dauerleihgabe als wunderbarer Schock

          Doch nicht nur räumlich kehrt Richter an seinen Geburtsort und den Ausgangspunkt seiner Karriere zurück. Er stellt sich auch ganz bewußt in eine Traditionslinie mit den in der Galerie Neuer Meister gezeigten Malern. Richter selbst hat Ulrich Bischoff, den Direktor der Galerie, in der Absicht bestärkt, den Zugewinn zum Anlaß zu nehmen, das Obergeschoß des Albertinums zu durchlüften, es klarer und konzentrierter zu gestalten und einen Rundgang zu schaffen, der nun grandios mit Caspar David Friedrich beginnt und spektakulär mit drei Richter-Räumen endet.

          Man darf annehmen, daß dieser Zirkelschluß für Richter tief beglückend ist: eine Heimkehr des verlorenen Malers in die Stadt seiner Jugend, eine neuerliche Begegnung mit dem Humus, auf dem sein Werk gewachsen ist. Für Dresden aber ist die Dauerleihgabe ein wunderbarer Schock. Denn mit einem Schlag wird dieser gleichermaßen gesegnete wie geschundene Ort, der sich so gern im Glanz seiner Vergangenheit sonnt und im Schmerz seiner Verluste suhlt, mit der Gegenwart kurzgeschlossen. Es ist, als werde der Stadt mit einem Ruck der Kopf nach vorne gedreht. Dresden wird immer die Kapitale Augusts des Starken und der Frauenkirche bleiben. Aber fortan ist sie auch die Stadt Gerhard Richters. Und es kann ihr nur guttun, sich dessen bewußt zu werden.

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