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Frankfurter Schirn : Kunst im Rüttelschütteltakt

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Die Frankfurter Schirn zeigt Werke des Amerikaners Doug Aitkens. Vieles, was gezeigt wird, ist professionell, aufwendig, schön. Doch Freunde des Abgrunds in der Kunst kommen hier nicht auf ihre Kosten.

          Die beste Szene aus dem großen Frankfurter Doug-Aitken-Imperium zuerst. Der Star: ein Bison. Der Ort: ein amerikanisches Motelzimmer. Das Medium: eine Videoinstallation. In diesem Film nimmt das Bison Stück für Stück ein Motelzimmer auseinander, eher aus Versehen, wie es scheint, nicht mutwillig. Ohne es zu wollen, macht das Tier, wofür Rockstars berühmt sind. Der Telefonhörer fällt herunter und baumelt an der Schnur, eine Stehlampe kippt um, der Schirm verrutscht, bald darauf erfolgt der Schnitt. Die Kamera zoomt auf das Bisonauge, das groß und dunkel wie ein spiegelnder Teich in seiner wolligen Fassung sitzt. Ein wenig bekümmert wirkt das Tier, fast verlegen, dass es so wenig in seine Umgebung passt. Kurz darauf folgt ein Biber, der ratlos in einer blitzblank geputzten Badewanne herumrudert, dann noch ein Puma, ein Fuchs, ein Uhu, ein Elch.

          Willkommen im Kosmos des amerikanischen Künstlers Doug Aitken, der nun in Frankfurt begangen werden kann: Die Schirn Kunsthalle wurde dafür frei geräumt, und wären da nicht die Treppen, die in den ersten Stock zu den Ausstellungsräumen führen, könnte man auch auf die Idee kommen, mit dem Auto vorzufahren, um mit einer Tüte Chips in der Hand vor „migration (empire)“ zu parken, der Videoinstallation mit den Tieren. Fast alles, was Doug Aitken, Jahrgang 1968, produziert, ist sehr aufwendig, sehr schön, sehr professionell. Die Werke haben etwas Luxushaftes in der Verarbeitung, die Oberflächen sind glatt, häufig verspiegelt. Das Luxushafte wird dadurch unterstrichen, dass es meistens sehr geschmackvoll zugeht. Wie auch bei der Wahl der Schauspielerinnen, die in einigen Filmen auftreten, etwa der unbestritten eleganten und großartigen Tilda Swinton oder der ebenfalls für das Eigensinnige bekannten Chloë Sevigny. Zum Kino hat Aitken überhaupt eine besondere Beziehung. Einen abendfüllenden Film hat er gerade gedreht, doch dazu gleich.

          Auch ein wenig Propaganda

          Spätestens hier (im dritten Absatz) lässt sich fragen: Ist das nun ein Lob, zu sagen, „alles sehr schön gemacht“? Oder ein Tadel? Es gibt ja einen Teil der Kunstwelt, der sich Kunst ganz abgründig wünscht, was an der Oberfläche damit signalisiert wird, dass es dort möglichst schorfig und schrundig aussieht, nach Berserkermalerei oder Gemetzel. An alle Freunde und Liebhaber des Abgrunds: Sie kommen in Frankfurt nicht auf ihre Kosten.

          Alles wunderbar also, endlich mal wieder Kunst, die schön ist? Nein, denn Aitkens Überästhetisierung hat auch ein Manko, das sein jüngster Kinofilm deutlich vorführt. Die Grundidee ist hier die folgende: Ein langer alter Zug fährt durch die Vereinigten Staaten, daher auch der Titel „From Station to Station“. Auf dieser Reise zwischen Atlantik und Pazifik werden verschiedene Orte angefahren, Leute getroffen, einige davon reisen als Passagiere mit. Wer will, kann nun an Lenins rote Roadshow denken, die Agitprop-Züge, die durch Russland geschickt wurden. Auf der anderen Seite ist die Eisenbahn natürlich ein sehr amerikanisches Fortbewegungsmittel - bei Aitken ist allerdings auch ein wenig Propaganda dabei.

          Dieser Film zeichnet sich durch eine herrliche Kameraführung aus, Schnitt, Sound und Musik sind phantastisch, alles sieht super aus. Die Sonne scheint fast immer, die Farben sind so schön wie in einer Fotografie von William Eggleston (kommt selbst auch im Film vor). Die ganze Zeit lässt einen aber das Gefühl nicht los, man sei in einen Werbefilm geraten, und das ungelöste Rätsel lautet nur: Werbung für was? Nach einer Weile - es passiert ja nicht so viel, dass man nebenher nicht auch ein bisschen nachdenken könnte - wird die Frage bohrender: Was soll hier denn beworben werden? Dann die Szene mit dem Künstler Ólafur Elíasson. Wie zahlreichen anderen Künstlern (etwa Thomas Demand oder Lawrence Weiner) im Film wird ihm ein Abschnitt gewidmet, den er selbst füllen darf. Und Elíasson sagt, er habe eine „drawing machine“ mitgebracht, eine Zeichenmaschine.

          Eine ziemlich große Verpackung

          Mit etwas ungläubigem Staunen sieht man, was das ist: eine eiförmige bespannte Oberfläche mit hohen Rändern, die in einer Konstruktion aufgehängt ist, die sich im Rüttelschütteltakt des Zuges bewegt. Eine Kugel rollt darauf herum, die zuvor in Farbe getunkt wurde und schwarze zittrige Spuren hinterlässt. Fertig ist die Zeichenmaschine! Im Film folgt glücklich: Schnitt, Musik, Split Screen. Ja, will man da rufen (was natürlich ganz sinnlos ist), sind wir denn hier bei Yps?! Wo auf der Magazinpackung auch immer die unglaublichsten Dinge angekündigt wurden - vom Um-die-Ecke-Fernrohr bis zu den Urzeitkrebsen? Was im Tütchen war, blieb häufig weit hinter dem Versprechen zurück, eben wie diese doch recht fade „Zeichenmaschine“.

          Das ist die Fallhöhe des Films. In diesem großen Freunde-von-Freunden-Kosmos, so hat man den Eindruck, wird einfach zu früh „fertig!“ gerufen. Auf alles, was der darin vorgeführte Herrenclub der Kreativen (ja, ja, ein paar Frauen sind auch dabei, meistens Musikerinnen) macht, scheint Aitkens warme Sonne, und er setzt gekonnt sämtliche ästhetischen Mittel ein, damit auch wir, die Zuschauer, Dinge beklatschen, die weder besonders geistreich noch abendfüllend sind.

          Vor der Schirn hat Aitken Sand und Schotter für ein riesiges Bassin aufschütten lassen, Titel: „Sonic Fountain II“. Da tropft es nun hinein und macht Geräusche, die man, klar, wenn man will, Musik nennen kann. Aber auch hier: Was für eine große Verpackung für eine doch ziemlich kleine Idee.

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