https://www.faz.net/-gqz-7zy05

Doppelter Kirchner in Mannheim : Welches Bild ist denn nun eindrucksvoller?

  • -Aktualisiert am

Ernst Ludwig Kirchner bemalte seine Leinwände häufig beidseitig. Welche Schwierigkeiten das im Museum verursacht, zeigt nun eine Ausstellung in der Mannheimer Kunsthalle.

          Auf der Rückseite von Gemälden finden sich erstaunliche Dinge: Signaturen, Nähte, Nachlassstempel, Hinweise mancher Restauratoren. Bei Ernst Ludwig Kirchner können sich dort sogar weitere Bilder verstecken. So wie die anderen Künstler der expressionistischen „Brücke“-Gruppe, Max Pechstein, Erich Heckel oder Karl Schmidt-Rottluff, hat Kirchner bereits bemalte Leinwände aus den Keilrahmen gelöst, gewendet und neu bemalt. Derzeit sind 138 solcher Leinwände bekannt, die Kirchner doppelseitig bemalt hat. Warum tat der Künstler das?

          Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten. Die Ausstellung „Der doppelte Kirchner“ in der Kunsthalle Mannheim widmet sich jetzt dem Phänomen. Ausschlaggebend für das Kooperationsprojekt zwischen Kunsthalle, dem Kirchner-Museum in Davos und dem Ernst-Ludwig-Kirchner-Archiv in Wichtrach bei Bern war der Fund eines Rückseitenbilds in Mannheim: Als man das Werk „Gelbes Engelufer, Berlin“ von 1913 restaurierte, wurde rückseitig das Bild eines Marokkaners, datiert in das Jahr 1909/10, sichtbar. Das Gemälde war bereits 1916 an Kirchners Mäzen Carl Hagemann verkauft worden; „Der Marokkaner“ ist im Werkverzeichnis von Donald E. Gordon von 1968 aber nicht erwähnt.

          Die Ausstellung zeigt siebzehn doppelte Werke - also vierunddreißig Bilder. Es wird versucht, so die Kuratorin Inge Herold, möglichst alle bekannten Konstellationen von Vorder- und Rückseite zu zeigen. Kirchner hat die Leinwände beschnitten, um neunzig oder 180 Grad gedreht, auf dem Rückseitenbild signiert, das Bild übertüncht oder wieder die Leinwand gewendet. Manchmal liegen Jahrzehnte zwischen den Arbeitsschritten, manchmal sind sie nah beieinander. Die Rückseitenbilder sind nicht immer vollendet. In wenigen Fällen ergeben sich aus beiden Seiten sinnvolle Bezüge - meistens aber ist die einzige, wenn auch wirkungsvolle, Verbindung, dass das Trägermaterial identisch ist. Das Ausstellungsdesign macht beide Seiten der Leinwände sichtbar. Die Rahmen hängen nicht an den dunkelblauen Wänden, sondern werden von seitlichen Fassungen auf weiße Sockel fixiert, die frei im Raum stehen. So wirken die Rahmen wie zweigesichtige Objekte. Um sie zur Gänze wahrzunehmen, muss der Besucher sie umrunden. Auf der hinteren Seite ist oftmals ein früheres Werk zu sehen, nicht selten kopfüber. Diesem Problem begegnet die Schau damit, dass nach der Hälfte ihrer Laufzeit die Rahmen gedreht werden - so wurde auch in der Ausstellung „Farbenmensch Kirchner“ in der Münchner Pinakothek der Moderne voriges Jahr verfahren.

          Eigenwilliger Künstler gegen Kunstpapst

          Sicher ist, dass Kirchner in keinem Fall die doppelseitigen Bilder auch doppelseitig präsentieren wollte. Zu jedem Zeitpunkt favorisierte der Maler eine der beiden Seiten. Doch welchen Wert kann eine bereits bemalte, aber unverkaufte Leinwand für einen Künstler haben? „Auch ich muss etwas sparen jetzt, das Material ist sehr kostspielig geworden. Aber die Leinwand hat Gott sei Dank zwei Seiten“, schrieb Kirchner 1919. Zu diesem Zeitpunkt, zurückgezogen im schweizerischen Davos, litt Kirchner keine finanzielle Not. Sparzwang allein kann das Phänomen der doppelten Bilder nicht erklären - und die Ausstellung versucht erst gar nicht, dem komplexen Künstler mit einfachen Antworten beizukommen.

          Kirchner revidierte sein Schaffen dauernd, ständig hinterfragte er sich selbst und seine Werke kritisch. Früh schrieb er auch in dem Bewusstsein Tagebücher und Briefe, dass dieses Material einst zur Interpretation seines Werkes herangezogen werden würde. Für den Kunsthistoriker ist Kirchners Nachlass voller Fallen: Oft datierte er alte Werke vor, überarbeitete sie stilistisch oder machte vermeintlich „restaurative“ Eingriffe.

          Weitere Themen

          Bild und Sound

          Neues Programm der Schirn : Bild und Sound

          Der immer wieder neue Blick der Künstler auf die Welt: Das Ausstellungsprogramm der Frankfurter Schirn im neuen Jahr umfasst Videoarbeiten, Bildhauerei, Klangobjekte und Meisterwerke der Abstraktion.

          Ist das die Zukunft der Oper? Video-Seite öffnen

          „Figaros Hochzeit“ in 360° : Ist das die Zukunft der Oper?

          Ein Mozart für Morgen: Nicht mehr bloß zuhören, zuschauen, sondern mittendrin sein im Geschehen und in der Musik? Jan Schmidt-Garre inszeniert „Figaros Hochzeit“ für die 360-Grad-Kamera – und damit für eine Oper, die man so noch nie gesehen hat.

          Topmeldungen

          Brief aus Istanbul : Ins Gefängnis wegen der besten Recherche

          Für ihre Arbeit zu den Panama Papers, die Steuerbetrug weltweit aufdeckten, erhielt eine internationale Journalistengruppe den Pulitzer-Preis. Pelin Ünker, die daran mitwirkte, muss in der Türkei in Haft. So sieht Erdogans Pressefreiheit aus.

          Bayern-Coach Kovac stellt klar : „Er spielt um seine Zukunft“

          Der FC Bayern fühlt sich gerüstet für die Jagd auf Herbstmeister Borussia Dortmund. Begleitet wird die Vorbereitung jedoch von Personalspekulationen. James Rodriguez ist jetzt besonders gefordert, meint der Trainer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.