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Doppelretrospektive: Neo Rauch : Das Vulkanische ist eine ständige Signatur

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Leipzig und München ehren den deutschen Maler Neo Rauch mit eindrucksvollen Retrospektiven. Kann man angesichts der hier zu sehenden verschlüsselten Fragebilder wirklich von einer abgetanen Wiederkehr des Figurativen reden?

          Neo Rauch in München und in Leipzig. Zwei Museen feiern den Künstler. Es sind unabhängige, selbständige Ausstellungen, Parallelaktionen, die jeweils Früheres und Neuestes gegenüberstellen. Der weltweite Ruhm des Fünfzigjährigen ist inzwischen so angewachsen, dass er eine Heerschar von Neidern und Zweiflern hervorbringen musste. Doch kann man angesichts dieser verschlüsselten Fragebilder wirklich, wie es eine smarte und aggressive Vereinfachung versucht, von Realismus und von einer abgetanen Wiederkehr des Figurativen reden? Wo gibt es Werke, in denen ein derartig verblüffendes Freispiel der Themen und eine derartig beunruhigende Mischung aus Körpern und Accessoires zur Siedehitze gebracht würden?

          Die anachronistischen Züge sind gewollt: Ein lügnerischer Passeismus soll in diesen Bildern entlarvt werden. Macht man sich die Mühe, ein wenig in sie einzudringen, entdeckt man hinter der phantastischen Verschlüsselung einiges an Aktualität, nicht nur Vulkanausbrüche, hysterische Koppelungen von Ding und Gesellschaft, eine korrodierende Welt, über die eine schweflige Dämmerung hereinbricht, sondern auch debile Kinder, die von fanatischen Feiglingen mit einem Sprenggürtel um den Leib auf die Jagd geschickt werden. Ist es nicht großartig, endlich wieder einen Künstler zu haben, der von einem Atelier in der aufgelassenen Baumwollspinnerei im Leipziger Vorort Plagwitz aus Fragen aufwirft, der spaltet und damit der Gigantomachie zwischen Kalkül und Überwältigung neue Nahrung gibt?

          Subtile Gegnerschaft zum narrativen Realismus

          Letztlich geht es hier nicht um Geschmack. Es geht um das, was ein amerikanischer Kunsthistoriker einmal, auf die – verachtete – amerikanische Malerei vor Pollock, auf die Ikonographie der Regionalisten, bezogen, „Usable Past“, „verwendbare Vergangenheit“, nannte. Damit befasst sich Rauch. Das gehört zu seiner souveränen Ehrlichkeit und Klugheit. Auch sein Reden bildet diese ab. Die Sätze sind überlegt, jeder Begriff fällt in einen Echoraum. Der Künstler stellt die Frage nach der Herkunft, und es lässt sich nicht übersehen, dass er aus dem Teil Deutschlands stammt, in dem auch ein Mattheuer die Erwartung an positive Bilder zu enttäuschen vermochte.

          Offensichtlich wird in „Nexus“, „Gutachter“, „Neue Rollen“ oder „Aufstand“ nicht einfach erzählt. Alles, was passiert, passiert in einer Atmosphäre der Ansteckung, die aus dem Kaputten ihre Entschlossenheit zur Auflehnung bezieht. Im Gespräch redet der Künstler vom „geschichtsbösen Nachbeben“. Deshalb sind die Stimmungen, die mit insidiöser Dosierung ins Bild dringen, so befremdend wie effizient: „Schwebstoffe“, „Brühe der Galvanikbäder“, „Schaumbäche der Reinigungsmittelfabriken“, „Tropfnässe“, „Schwitznässe“, „Sprengladungen“, „aus den Schornsteinen der saure Rauch“. Alle diese Wörter und viele mehr umkreisen das Werk. Ich zitiere sie aus der großartigen „Ouvertüre“, die Uwe Tellkamp an den Beginn von „Der Turm“, einer „Geschichte aus einem versunkenen Land“, stellt. Und diesen Roman kann man zweifellos als Antwort auf die Einladung, besser auf die Forderung Neo Rauchs lesen, sich der jüngsten, fremdesten Geschichte in Deutschland zuzuwenden.

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