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Donald Judd in München : Die Kunst in der Rückenlehne

Mobiliar aus dem Geschäft in der Provinz? Das gefiel dem Künstler Donald Judd nicht. Also entwarf er fortan selbst. Heute stellen seine Möbel in einer Münchner Ausstellung die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Design.

          4 Min.

          In der Geschichte der modernen Kunst tauchen Möbel gleich an zwei entscheidenden Stellen auf. Im neunzehnten Jahrhundert versuchte die Arts-and- Crafts-Bewegung um William Morris, den Alltag in ein Gesamtkunstwerk zu verwandeln: Die Künstler malten nicht nur Bilder, sondern entwarfen auch Teppiche und Stühle, die sich den gleichen ästhetischen Prinzipien unterzuordnen hatten; der Stuhl war Teil eines Großkunstwerks, das ideales Leben hieß. Im 20. Jahrhundert montierte Duchamp eine Fahrradfelge auf einen Hocker und stellte das neue Ding ins Museum - wobei das Werk als Provokation nur funktionierte, weil alle sich einig waren, dass so ein Möbelstück eindeutig nicht museumswürdig sei.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Wo Möbel im Museum auftauchen, sind sie entweder eindeutig nicht Kunst, sondern Sitzbänke - oder die Möbel werden zu „Designikonen“ erklärt und ihrer Alltagsbenutzung enthoben. Auf eine Skulptur setzt man sich nicht: Kein Benutzer der Möbelausstellung des MoMA würde es wagen, die Bequemlichkeit eines Exponats nachzuprüfen, indem er sich hineinwirft. Stattdessen gleicht das Verhalten der Besucher denen einer Kirche: Sie schreiten langsam, reden mit gedämpfter Stimme, verharren vor dem Möbelstück in der gleichen aufmerksamen Stille, die ein Gläubiger vor dem Altarbild zeigt.

          Aber spätestens seit Künstler wie Tobias Rehberger komplex spiegelnde Raumskulpturen entwarfen, die als Café genutzt werden, lebt die Diskussion wieder auf, was in den Räumen der Kunst passieren und entstehen soll und wie sich Design und Kunst zueinander verhalten. Und zu einem Zeitpunkt, wo über das Verhältnis von Kunst und Alltag und die Frage der Benutzbarkeit von Kunst neu und anders gestritten wird als noch in der Frühphase der Performancekunst, wirkt die Ausstellung von Donald Judds Möbeln, die ab heute in der Münchner Pinakothek der Moderne gezeigt wird, wie ein Schlüssel.

          Lange war es kaum bekannt, dass Judd auch Möbel entworfen hatte. Anfang der siebziger Jahre war der Künstler nach Texas gezogen, hatte ein kleines Haus am Stadtrand gemietet und versucht, dieses Haus zu möblieren - aber das, was er in den Möbelläden der kleinen Provinzstadt Marfa fand, war alles, was er nicht mochte: „Nachbildungen von Antiquitäten oder Küchenmöbel aus Stahlrohr mit Plastikoberflächen, die mit sinnlosen geometrischen Mustern und Blumen bedruckt waren“.

          Für die Erlebbarkeit von Proportionen, Formen und Farben

          Also baute Judd sich seine Möbel selber: Strenge, einfache Holzstühle, für die beiden Kinder ein Bett, das aus einer Holzplattform besteht, die in der Mitte von einer freistehenden Wand getrennt wird und an die Einbauten alter japanischer Häuser erinnert, in denen auf ähnlichen Podesten Teezeremonien stattfinden. Als Judd, der 1928 in Missouri geboren wurde und 1994 starb, diese Möbel baute, war er bereits ein bekannter Künstler und Kunstkritiker: Er hatte eine Theorie zum „spezifischen Objekt“ entwickelt, galt als Vertreter der Minimal Art und zeigte in Ausstellungen klare, industriell wirkende Objekte, die ihrerseits wie seltsame, verfremdete Möbel oder Architekturmodelle wirkten.

          Da standen stählerne Kuben im Raum, aluminiumgraue Stahlkästen mit lackierten Innenseiten hingen, wie Zwitter aus Gemälden und Skulpturen, gereiht an der Wand. Die Formen von Judds Objekten erinnerten an die industrielle Moderne und das Prinzip der Serienfertigung, und in den leeren, weißen Hallen der Ausstellung sahen sie aus wie die Versuchsanordnung eines Grundlagenexperiments, bei dem die Wirkung von Proportionen, Formen und Farben im Raum erlebbar werden sollte.

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