https://www.faz.net/-gqz-uspd

documenta : Was tun? Familie Wu reist nach Kassel

Der Künstler Ai Wei Wei lässt 1001 Chinesen zur documenta reisen. Sie - und ihre Bilder und Filme - sind sein Kunstwerk. Natürlich haben sie alle schon jetzt ein Bild von Deutschland im Kopf. Wir haben einen von ihnen in China besucht.

          Dass 1001 Chinesen nach Kassel kommen, ist eigentlich keine große Sache. In Deutschland leben mehr als 70.000 Chinesen, und im vergangenen Jahr wurden 441.000 durchreisende chinesische Geschäftsleute und Touristen gezählt. Chinesen gehören längst zum deutschen Stadtbild. Was also ist der Witz?

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Witz ist, dass die 1001 Chinesen, die der Pekinger Künstler Ai Wei Wei zur documenta bringt, reine Kunst sind: Sie kommen nicht aufgrund der Absichten und Interessen, die einen für gewöhnlich in ein anderes Land ziehen, sondern von Gnaden eines Kunstsystems, das mit dem schier unerschöpflichen Geld, das es auftreiben kann, das Unmögliche möglich macht und wie im Märchen - „Fairytale“ heißt der Titel des Projekts - die üblichen Begrenzungen des Schicksals aufhebt: das also Leuten, die sich das sonst niemals hätten leisten können, einen Flug und eine Woche Aufenthalt in Kassel bezahlt.

          Menschen als Symbol

          Die einzige Bedingung, die das Kunstsystem stellt - eine Bedingung gibt es im Märchen schließlich für jedes Wunder -, ist, dass die Leute als Symbol auftreten. Aber Symbol für was? Für die Gastgeber können die 1001 Chinesen die Vorhut der globalen Massen repräsentieren, die sich mit wachsender Geschwindigkeit auf sie zuzubewegen scheinen, und damit auch die eigene Angst vor kulturellem und materiellem Verlust. Für die Gäste aber steht das Projekt für die Plötzlichkeit, mit der das Leben zurzeit jahrtausendealte Schranken hinter sich lässt und sich in eine ungewisse Weite hinein öffnet: Das Symbolischste also an diesem eigenartigen Kunstwerk ist die Verschiedenheit dessen, was es symbolisiert - je nachdem, auf welcher Seite der Globalisierung man steht.

          Familie Wu wird mit neunzehn Personen anreisen: drei Brüder und deren Frauen, die erwachsenen Kinder mit ihren Ehepartnern sowie zwei betagte Tanten. Herr Wu Ping-zhong ist schon zu seiner Tochter, die in Peking lebt, vorausgefahren, die anderen werden erst Ende Juni aus ihrem Heimatdorf im Süden nachkommen, um dann gemeinsam nach Deutschland zu fliegen. Er ist ein kleiner, aufrechter Mann, der kerzengerade auf dem Bett sitzt. Mit Kunst hatte er bisher noch nie etwas zu tun. Aber er weiß, dass sein Leben dokumentiert werden soll, das gehört zur Vereinbarung. Vor kurzem war ein Dokumentarfilmer, der renommierte Regisseur Wang Bing, in seinem Heimatdorf und hat dort einen Monat lang alles festgehalten. Und so erzählt Herr Wu freundlich und bereitwillig über sein Herkommen.

          Holzarchitektur ohne Nägel

          Die ganze Familie stammt aus Jichang, das ist ein Dorf von 120 Familien in der südlichen Provinz Guangxi. Das Dorf gehört zur Stadt Sanjiang, die in China als klein gilt, aber immerhin 200.000 Einwohner hat. Familie Wu zählt zu einer Bevölkerungsgruppe, die in China Dong-Minorität genannt wird und sich in dieser Gegend sammelt. Sie hat eine eigene Sprache, eine eigene, etwas atonale Musik und eine eigene Holzarchitektur, die ohne Nägel auskommt. Das Essen hat einen säuerlichen Geschmack, gern isst man Klebreisknödel mit Teeblättern. Wie viele andere Dörfer der Gegend auch ist Jichang in einen Berg hineingebaut, auf dessen Gipfel eine Pagode steht. Abends trifft man sich dort, schwatzt miteinander und singt Lieder.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.