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Documenta-Kunst im Portikus : Es regnet Meteoriten

  • -Aktualisiert am

Ein argentinischer Bauer entdeckte den fast zwei Tonnen schweren Meteoriten „El Taco“ 1962, Forscher zerteilten ihn bald darauf, Künstler haben die Hälften jetzt wieder zusammengeführt: Das zeigt die Leiterin der kommenden Documenta in Frankfurt. Ein Vorgeschmack?

          Die „dOCUMENTA (13)“ hinterlässt ihre ersten Spuren, schon zwei Jahre bevor sie in Kassel wirklich beginnen wird. Einen ihrer ersten Eingriffe vollzieht die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev im Frankfurter Portikus, dem kleinen, wundersam auf einer Maininsel gelegenen Ausstellungshaus an der Alten Brücke.

          Die eigenwillige Schreibweise des Titels „dOCUMENTA (13)“ ist wohl die einzig verbliebene, etwas anstrengende Variation des Namens nach dreizehn Ausgaben. Das grafische Resultat einer festgestellten Shift-Taste deutet jedoch schon auf den Kontrast hin, den Carolyn Christov-Bakargiev thematisieren wird: Den Gegensatz zwischen unserer digitalen Welt, „in der wir Dateien als Kunstersatz herumschicken“, und dem wirklichen Kunstwerk, das in ihrem Sinne nur in der Verbindung von Kunst und Rezeption in der Person des Betrachters vollendet werden kann.

          Die amerikanische Kunsthistorikerin, die unter anderem ein Buch über die Arte-povera-Bewegung der sechziger Jahre herausgegeben hat und über den südafrikanischen Künstler William Kentridge, hält nicht viel vom Ego des Kurators, sondern will den Künstlern das Zepter in die Hand geben. Im Portikus zeigt sie die beiden jungen Städelkünstler Guillermo Faivovich, 1977 in Buenos Aires geboren, und Nicolás Goldberg, 1978 in Paris. „El Taco“ ist gleichzeitig die Abschiedsvorstellung von Städeldirektor und Kurator Daniel Birnbaum, der zum 1. November Direktor des Moderna Museet in Stockholm wird und Frankfurt verlässt.

          Besessene, leidenschaftliche Forscher

          In der Ausstellung ist eigentlich nicht viel Künstlerisches zu sehen: Es ist ein Meteorit vom Himmel gefallen. Seine beiden Hälften liegen schwer in der Mitte der weißen Zelle. Er wurde scharf durchtrennt - von Menschenhand. Doch wo kommt er her? Zweitausend Jahre vor Christus wurde Nordargentinien von einem Meteoriteinschlag erschüttert. Der Experte des Smithsonian Institution Timothy McCoy - der angereist ist, um diesem Schauspiel beizuwohnen - sagt, dass dieser Stein aus den Sphären zwischen Mars und Jupiter heruntergefallen sei. 4,5 Milliarden Jahre alt; damit sei er viel älter als die Erdoberfläche, auf der er gelandet sei. Nicht nur das Raum-Zeit-Gefüge wird an dieser Stelle verrückt.

          Der Meteorit „El Taco“ wiegt 1998 Kilogramm. Das schwere Ding wurde 1962 von einem Bauern entdeckt und von den Vereinigten Staaten und Argentinien gemeinsam geborgen. Die eine Hälfte blieb in Argentinien, verrostete im Garten eines Planetariums, die andere entdeckten die Künstler in einem Lagerraum des Smithsonian Institution in der Nähe von Washington. Doch auch Deutschland war beteiligt an dieser steinigen Mission: Das Max-Planck-Institut schnitt damals „El Taco“ in zwei Hälften. Die Späne werden im Frankfurter Senckenberg-Museum aufbewahrt. Nun wird im Portikus Wiedervereinigung gefeiert. Nicolàs Goldberg sagt: „Zwei Brüder haben wieder zusammengefunden.“ Die Künstler sind besessene, leidenschaftliche Forscher, also ganz à la Timothy McCoy, haben sich in die Geschichte dieses Steinklotzes hineingewühlt. Das eigentliche Kunstwerk - die Steine sind als Staatseigentum natürlich vollkommen unverkäuflich - ist das Künstlerbuch zum performativen Akt.

          Eine Ahnung, in welche Richtung die „dOCUMENTA (13)“ gehen könnte

          Die Documenta-Leiterin preist die Aktion als Auseinandersetzung in unserer immateriellen Gegenwart mit „Gewicht, Materialität, Stillstand, Beständigkeit und der Kraft der Dinge“, die im Gegensatz zu Geschwindigkeit und Bewegung stünden. Seit mehr als fünfzig Jahren fordere die Documenta Künstler und Besucher auf, die Rolle der Kunst in unserer Zeit zu reflektieren. Sie diene also auch als Ort für künstlerische Reflexionen über die Beziehungen zwischen Menschen und den Dingen und Stoffen ihrer Umwelt. Die Kunst ist also nicht der Meteorit. Die Kunst ist vielmehr die Versammlung aller Gedanken zum Kunstwerk, die sich im Künstlerbuch verbinden. So weit, so gut. Plausibel macht das Ganze vielleicht der Vergleich mit Walter de Marias „The Vertical Earth Kilometer“ von 1977, eine tausend Meter lange Blech-Bohrstange von fünf Zentimetern Umfang, die der Künstler in den Boden vor dem Fridericianum in Kassel bohrte.

          Aus dieser ersten Begegnung lässt sich zumindest erahnen, in welche Richtung ihre „dOCUMENTA (13)“ gehen könnte. Doch bis dahin ist noch viel Zeit. Im Juni pflanzte Carolyn Christov-Bakargiev einen Baum in den Kasseler Auepark. Nur war es kein lebender Documenta-Baum à la Joseph Beuys, sondern eine neun Meter hohe Bronze-Skulptur des italienischen Arte-povera-Künstlers Giuseppe Penone, die mit dem etwas kitschigen Titel „Idee di Pietra (Ansichten eines Steins)“ wieder an unseren Meteoriten denken lässt. Angesichts von so viel historisch-gewordener Avantgarde können vielleicht Guillermo Faivovich und Nicolàs Goldberg in Kassel einen ganzen Meteoritenregen herunterprasseln lassen? Aber bis dahin müssen wir uns ja noch in Geduld üben. Es kann noch viel passieren.

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