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Documenta : Künstler bringt 1001 Chinesen nach Kassel

Die erste Sensation der Kunstausstellung Documenta 12, die im Juni eröffnet wird, steht fest: Der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei will 1001 Landsleute als Kunstwerk nach Kassel bringen.

          In Kassel macht man es spannend. Von der Leitung der Documenta 12, die am 13. Juni eröffnet wird, ist bisher nicht viel mehr zu erfahren, als dass der spanische Experimentalkoch Ferran Adrià teilnimmt und die Architekten Lacaton & Vassal eine Orangerie aus Gewächshauselementen in die Auen bauen, die man im Rohbau schon besichtigen kann.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Nun aber ist doch schon eines der größten und vermutlich aufwendigsten Kunstwerke der Documenta bekannt geworden; es ist auch schlecht geheim zu halten - denn Ai Weiwei, einer der wichtigsten chinesischen Künstler, hatte schon vor Wochen in seinem Blog angekündigt, er wolle für einen Beitrag namens „Fairytale“ 1001 Chinesen nach Kassel einfliegen. Binnen dreier Tage meldeten sich dreitausend Interessenten. Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bestätigte Roger M. Buergel, Leiter der Documenta, jetzt das Vorhaben.

          Als Massenornament in die Karlsauen?

          Unterdessen kursierten Gerüchte, alle 1001 Chinesen würden im Block als monumentaler Aufmarsch während der Documenta durch die Straßen laufen, Plätze verstopfen, Cafés überfüllen, um sich dann als lebendes Massenornament in die Karlsauen zu ergießen. Eine ähnliche Aktion plant in Hamburg gerade der Künstler Mischa Kuball; er will im Mai, als Hommage an Malewitschs „schwarzes Quadrat“ und seinen Glauben, diese Form sei komprimierte Energie, 625 Menschen als lebendes Quadrat durch die Stadt wandern lassen.

          Doch um solche Massenrhetorik gehe es ihm genau nicht, erklärte Ai Weiwei im Gespräch mit der F.A.Z. „Ich bringe 1001 Chinesen nach Kassel“, sagte der fünfzigjährige Künstler, „aber sie können sich frei bewegen in der Stadt und sollen eher nicht im Block herumlaufen.“ - „Und wenn jemand sagt: ,Ich möchte nach Hamburg fahren?'“ - „Das geht nicht. Er ist ja Teil meines Projekts in Kassel.“ Außerdem müssten ihm alle von den Teilnehmern gesammelten Materialien und aufgenommenen Fotos zur Verfügung gestellt werden. Unter den Teilnehmern, erzählt Ai Weiwei, werden sich alle möglichen Bevölkerungsschichten befinden, „Bauern, Arbeiter, Verkehrspolizisten“. Sie würden in fünf Gruppen à zweihundert Teilnehmer eingeflogen, jede Gruppe bleibe rund eine Woche auf der Documenta. Ai Weiwei organisiert ihnen eine Studentenunterkunft und einen Koch, Fremdenführer sollen ebenfalls zur Verfügung stehen.

          „Fairytale“ und die Logik von Kunstausstellungen

          In China ist Ai Weiwei nicht nur als Konzeptkünstler, sondern auch als Architekt bekannt. Zusammen mit den Schweizer Kollegen Jacques Herzog und Pierre de Meuron entwarf er das Nationalstadion für die Olympischen Spiele 2008, das sogenannte „Vogelnest“.

          Schon jetzt ist abzusehen, dass eine Debatte aufkommen wird, ob und inwieweit „Fairytale“ Kunst ist oder etwas anderes, ob und wie es die Logik von Kunstausstellungen unterwandert. In jedem Fall bewegt sich Ai Weiwei mit dieser Arbeit im Dreieck jener großen Fragen, die Roger M. Buergel zu Leitsternen seiner Ausstellung bestimmt hat - ob „die Moderne unsere Antike“, was „das bloße Leben“ und was die Möglichkeit von Bildung sei.

          Der Transfer von Chinesen, die sich diese Reise sicherlich allein nicht leisten könnten; die Menge der Bilder, die sie auf ihrer Europa-Entdeckung machen werden; die Formen, die für sie und von ihnen während dieser Reise produziert werden; die Logik, nach der dieses größtenteils kunstfremde, außereuropäische Publikum sich die zum temporären Kunstmekka umdeklarierte europäische Provinzstadt Kassel erschließt - all das passt zu dem erweiterten, sozialutopisch unterfütterten Formdiskurs, der sich als ein Grundthema der Documenta 12 abzeichnet.

          Aus der Wüste nach Amerika

          „,Fairytale' ist eine Arbeit, die sich stark konzeptuell mit Ökonomie, Gesellschaft und Kultur befasst“, sagt Ai. Dass ihn Globalisierungs- und Demokratisierungsprozesse besonders interessieren, führen viele auch auf seine persönliche Geschichte zurück. Ai Weiwei ist der Sohn von Ai Qing, einem berühmten kommunistischen Poeten. Kurz nach Ai Weiweis Geburt, 1957, wurde die Familie von Peking in die Wüste Gobi geschickt. „Ich war gerade geboren, als mein Vater in Ungnade fiel“, erzählte Ai Weiwei vor einiger Zeit in einem Interview.

          „Er hat den Großen Marsch mitgemacht und war seit den dreißiger Jahren einer der populärsten Dichter. 1949 kam er mit Maos Truppen nach Peking. 1957 mussten meine Eltern alles aufgeben und in den Nordwesten ziehen, in die Provinz Xinjiang an der mongolischen Grenze. Oft gingen wir betteln.“ 1981 wanderte Ai Weiwei in die Vereinigten Staaten aus, lebte in Kalifornien und in New York und studierte an der Parsons School; seine Arbeiten waren geprägt von Dada und Konzeptkunst. 1993 kehrte er zurück nach China.

          Zerbrechlichkeit und Auslöschung der alten chinesischen Kultur ist seit längerem ein Grundmotiv seiner Arbeit. In Performances ließ er tausend Jahre alte Han-Urnen auf Steinplatten fallen, vielleicht waren es aber auch nur Nachbildungen - wie man überhaupt aufpassen muss, was Fiktion und was Realität ist bei Ai Weiwei. Seine Website trägt den programmatischen Titel „Fake“ - und entsprechend bleibt es spannend, was alles noch in Kassel passieren wird.

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