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documenta : Geist unter Glas

Der Leiter der nächsten documenta, Roger M. Buergel, will die Kunst wieder an einem zentralen Ort konzentrieren. Pariser Architekten sollen in Kassel eine Halle bauen, die sich an Gewächshäusern orientiert. Luftiger Kunstgenuß oder Gartencenter-Charme?

          Roger M. Buergel macht alles anders. Der Leiter der documenta XII, die im Juni 2007 beginnt, lädt den Meisterkoch Ferran Adria als Künstler ein, und nachdem Buergels Vorgänger 2002 noch in den hintersten Winkeln von Kassel eine verwirrende Menge an Kunst in teilweise sehr schönen Satellitenhallen versteckt hatte, erklärte Buergel, die Kunst müsse wieder an einem Ort konzentriert werden; als wolle er seine Kollegen durch einen neuen Zentralismus ärgern, gab er jetzt bekannt, daß die Architekten Lacaton & Vassal in der Karlsaue eine neue, temporäre Halle bauen werden, die dann mit 12.000 Quadratmetern immerhin drei Viertel der gesamten Ausstellungsfläche stellt.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber weil Buergel nicht Buergel wäre, wenn es dabei nur um eine moderne Hommage an die Orangerie gehen sollte und nicht doch um ein gebautes Experimentierfeld für eine neue Form jener „ästhetischen Erfahrung“, von der Buergel gerne redet, strömten die Zuhörer am Montag abend gespannt in die Berliner Universität der Künste zu einem Vortrag des Architekten Jean-Philippe Vassal, der zusammen mit Anne Lacaton sein Büro in Paris betreibt. Vassal trat ans Rednerpult, klappte sein schwarzes i-Book auf (Architekten widersetzen sich mit erstaunlicher Hartnäckigkeit dem von Designern ausgerufenen Trend, daß Weiß das neue Schwarz sei) und trug sehr lange nichts zu Kassel und sehr viel zu seiner Idee einer leichten, flexiblen Architektur vor, für die beispielhaft immer wieder das Ferienhaus zitiert wird, mit dem die Architekten 1998 bekannt wurden.

          Haus um Pinien herum gebaut

          Sie hatten sich damals entschlossen, die zahlreichen Pinien auf dem Grundstück am Cap Ferret nicht abzusägen, sondern das Haus um die Stämme herumzubauen; der Bau schwebt nun wie eine von Baumstämmen durchspießte Metallschachtel in der Düne. Als Lacaton und Vassal vor zwei Jahren im französischen Mulhouse kostengünstige Sozialbauwohnungen für die „Cité Manifeste“ entwerfen sollten, besorgten sie preisgünstige, vorgefertigte Gewächshäuser und entwickelten sie zu lichtdurchfluteten Apartmenthäusern weiter. Soviel Quadratmeter, soviel gläserne Fassade, luftiges Glasdach und Wintergarten gab es noch nie fürs Geld.

          Lacaton und Vassal machen den exklusiven Traum der Moderne von luftigen Häusern, deren Fassaden sich leicht wie Stoff um das Alltagsleben legen, mit Baumarktmaterialien massenfähig. Daß man sich zwischen so viel Polyvinylchlorid schnell fühlt wie eine Industrietomate und daß die Plexiglasbuden an einem trüben Wintertag halt auch so trostlos aussehen wie die Gartencenter vor der Stadt, gehört zu den Schattenseiten dieser Low-Budget-Architektur.

          Große Tradition von Park-Architekturen

          Buergel erhofft von seiner neuen Halle „eine Architektur aus dem Geist der Arbeiten, die wir zeigen“. Wie dieser Geist nun aber Bauwerk wird, dazu konnte der von dieser Frage arg in Verlegenheit gebrachte Architekt nicht so recht etwas sagen. Auch in Kassel wolle man auf Gewächshausarchitekturen zurückgreifen, man werde dank der billigen Konstruktion mehr Quadratmeter pro Kunstwerk schaffen.

          Mehr als das Mehr an Platz war aus ihm nicht herauszubekommen, und ein wenig enttäuschend war diese reflexive Schmallippigkeit schon; schließlich hat Frankreich, von Versailles über die Buttes Chaumont bis zu den dekonstruktivistischen „Folies“ im Pariser Parc de la Villette, eine große Tradition von experimentellen Park-Architekturen, in denen das Verhältnis von Gesellschaft, Kultur und öffentlichem Raum neu ausgelotet wurde - und Architektur zu Bühne, Versteck, Bunker, Schirm, Felsen, gebauter Erzählung, Aussichtsplattform, Kaleidoskop, Labyrinth, künstlichem Wald, Begegnungsmaschine und Rückzugsort.

          All das - das ist die Chance von Buergels Hallenprojekt - könnte hinter der Membran des Mega-Gewächshauses stattfinden; wie man aber die Gefahr vermeidet, daß die neue Halle nur eine Baumarkt-Orangerie mit Shoppingmallcharakter wird, in der statt Vertikutierbesen ästhetischer Genuß angepriesen wird, darüber müßte vielleicht noch etwas genauer nachgedacht werden.

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