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Thomas Bayrle auf der Documenta 13 : Die Frömmigkeit der Maschinen

Auch so hebelt also die Documenta 13 den von ihr aufs Korn genommenen Anthropozentrismus aus. Denn Thomas Bayrles Intervention ist nichts so wenig wie eine schmeichlerische Wellness-Oase, sie ist hart und cool bis ans heiße Herz der Maschine und der Gläubigkeit. Und der Künstler macht sich wahrhaftig keinen Jux daraus. Er will, so sagt er, „nicht Kritik üben, sondern nebeneinander stellen“. Adieu Ideologie! Die moderne Welt, sagt Bayrle, funktioniert über immer mehr Teilungen; Henry Ford hat von den Schlachthöfen in Chicago gelernt: Nur über Arbeitsteilung waren dort die einzelnen schrecklichen Jobs auszuhalten, getötet wurde woanders als gehäutet und zerteilt. So hat dann auch die Autoindustrie funktioniert, kein ganzheitlicher Blick mehr, sagt Bayrle. Die Gesamtschau ist für den Menschen unaushaltbar geworden. Doch sie ist ihm auch genommen worden. Die Maschinen und der Rosenkranz, sagt Bayrle, gehören zusammen: Die menschlichen Rhythmen sind wie die Maschinen-rhythmen. Von „Transsubstantiation“ spricht er, der kein Katholik ist, von einer Verschmelzung mithin. Atmen, Singen, Arbeiten - ora et labora -, die Wiederholung als schöne Übung, nicht als Zwang.

Genau das inszenieren die Maschinen jetzt in der Documenta-Halle. Das ist nicht ironisch, nichts so wenig wie blasphemisch gemeint. Humorvoll, das schon. „Bitte für uns bitte für uns bitte für uns“ repetieren da die Scheibenwischer eines Mercedes in ihrem approximativ unendlichen Tun, als ein Mantra: Eine Art „meditative Sauce“, sagt der Künstler, ein „endlos sich wiederholendes Amalgam“ habe er schaffen wollen. Nennen wir es eine Litanei. Ein kleiner Citroën-2CV-Motor vereinigt sich mit französischen Gebeten; er steht auf einem Gestell, das Rodins „Schreitenden“ ins Gedächtnis ruft. Eine italienische Moto-Guzzi-Maschine macht aufgebockt in Machismo, vielleicht.

Alles geschenkt. Bayrle nimmt Vermessungen der Imagination vor. Er unterminiert alle Ordnung der Symbole, die Sprache ist ohnehin ausgeblendet, indem er zu einem realen Kern vorzustoßen sucht, der im gläubigen Singsang und im Motorenrauschen erfahrbar wird. Schon immer war dafür der Sound das geeignete Mittel. Und wenn es denn sein soll, wird diese Überwältigungsstrategie in Kassel auch die Ohren eines Hunds erreichen, das überscharfe Gehör einer Katze ganz gewiss.

Die Maschinen machen, was ihr Geschäft ist, sie laufen. Sie zu verschalten ist die Leistung des Humanum, indessen: Kein Mensch wird diese Synchronisation beherrschen können in ihrem rhythm and blues. Thomas Bayrles Maschinenpark stiftet selbstorganisierend eine neue Ordnung, aus unbelebter und belebter Materie. Das ist kein Lärm, es ist sogar ein eher verhaltenes Rauschen in der riesigen Halle, ein Murmeln und Summen, gedämmt vom „Carmageddon“, ein Hervorbringen und Verstummen. Ist das schön? Ja. Es sehnt sich die menschgemachte Maschine nach Gehör. Lauschen wir also.

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