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Impressionen von der Documenta : Das Summen der einzelnen Teile

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Zusammenbruch und Wiederaufbau: Die Documenta hat begonnen, jetzt könnten die Werke zu uns sprechen. Was aber sagen sie uns? Eine Rundschau.

          Erste Blicke ins Gehirn

          Vor dem Stadtpalais stand ein Mann, der lachte und streckte mir die Hand entgegen: „Freut mich sehr, dass wir uns endlich persönlich kennenlernen.“ „Woher kennen wir uns denn?“ „Sie kennen mich nicht. Aber ich kenne Sie: aus dem Fernsehen!“ „Sie verwechseln mich, mit dem Fernsehen habe ich nichts zu schaffen.“ „Doch, doch, ich sehe Sie da ständig. Im Presseclub, in allen Talkshows. Ich freue mich wirklich sehr.“ „Ich muss weiter“, sagte ich, „zur Pressekonferenz.“ Ich drückte meine Zigarette aus und ließ den Mann draußen stehen. Und als ich im großen Saal saß, schämte ich mich für meine verstockte Wortwörtlichkeit. Vermutlich war der Mann ein Performance-Künstler.
          Die Grußworte des Kasseler Oberbürgermeisters liefen darauf hinaus, dass es ohne Kassel die Documenta nicht gäbe, die hessische Kultusministerin meinte, dass es schön sei, wenn die Leute zur modernen Kunst kämen, weil dann die Leute zur modernen Kunst kämen.

          Und Carolyn Christov-Bakargiev, als sie endlich dran war, sagte: „Endlich!“ Und dann sagte sie, sie werde jetzt eine Vorlesung halten. Sie sprach Englisch, mit Akzent, es ging in ihrer Rede, schon wegen des riesigen Meteoriten, den sie eigentlich aus Argentinien abholen und in Kassel ausstellen wollte, was sie aber bleiben ließ, als viele Argentinier protestierten: es ging um den Raum, die Zeit, die Widersprüchlichkeit und die Frage, ob etwas, bloß weil es hier ist, nicht zugleich auch woanders sein könnte.

          Frau Christov-Bakargiev sprach von diesen Dingen, so ruhig und wissend, als hätte sie schon all die Paralleluniversen durchwandert, von denen die Stringtheoretiker und Quantenphysiker nur reden. Sie wirkte herrisch, als sie die Fakultäten aufrief, bei welchen sie Rat gefunden habe: Biologie, Physik, Genetik - die sind, wo Frau Christov-Bakargiev das Sagen hat, nur Hilfswissenschaften.

          Und fast schon demütig klang es, andererseits, als sie bekannte, dass es auf dieser Documenta manches Werk gebe, das auch sie noch nicht ganz verstanden habe: „It may or may not be art.“ Sehr sympathisch, dachte ich: erst die Werke sprechen zu lassen und die abschließenden Urteile der Kunstgeschichte zu überlassen. Aber in der Trambahn, die hinunter zum Fridericianum fuhr, sprach nur der Kunstbetrieb mit sich selber, und Okwui Enwezor, der im Jahr 2002 der Chef der Documenta war, hatte ein Gucci-Hütchen auf, lehnte am Trambahnfenster und lachte.

          In der Rotunde, die jetzt „The Brain“ hieß, hingen Fotos, welche die Fotografin Lee Miller, am Tag vor Hitlers Selbstmord in Berlin, in Hitlers Münchner Wohnung gemacht hat; sie selbst hat damals in Hitlers Badewanne ein Vollbad genommen; es lag auch, in einer Vitrine, Hitlers Badetuch. Es hingen zarte Bilder von Giorgio Morandi an der Wand, und in anderen Vitrinen standen baktrische Göttinnenfiguren. Wenn hier die Werke sprechen wollten, dann konnte man sie nicht verstehen, weil sie, gewissermaßen, einander ständig ins Wort fielen, so eng standen und hingen sie beieinander.

          Weil aber die Werke so wenig sprachen, plauderten die Besucher miteinander: Wo warst du schon? Wohin als Nächstes? Schicke Jacke, übrigens. Was nicht übel ist: wenn die Kunst die Menschen zum Sprechen bringt. Und wenn „The Brain“ quasi das Hirn der Chefin war, dann wurde hier sehr anschaulich, dass 500 Jahre nach Kopernikus und 100 Jahre nach Sigmund Freud jetzt auch die Documenta davon weiß, dass der Mensch nicht Mittelpunkt des Universums ist. Und das Ich nicht der Herr im eigenen Haus.

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