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Documenta 13 : Ein Hund mit rosafarbenem Bein

Bundespräsident Joachim Gauck hat in Kassel die weltgrößte Ausstellung für Gegenwartskunst eröffnet: Warum die dreizehnte Documenta trotz vieler Einwände sehenswert ist.

          Man hat in den vergangenen Wochen sehr viel zum Thema Documenta und Hunde und Tomaten und Erdbeeren zu lesen bekommen. Vor allem Tiere, hieß es, und ihr Blick auf die Welt würden eine große Rolle spielen, es gehe bei dieser Documenta unter anderem darum, den anthropozentristischen Blick, der den Menschen und seine Sicht auf die Welt in den Mittelpunkt stellt, weitestmöglich aufzulösen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Es dauert dann aber eine ganze Weile, bis man überhaupt einen Hund zu sehen bekommt - und wenn man ihn sieht, ist man sich nicht sicher, ob es überhaupt einer ist. Tief in den Karlsauen, hinter einem wüst verwilderten Wall, taucht ein zartes, großohrig weißes Wesen auf, das ein rosafarbenes Bein anwinkelt: ein Reh, das sich für einen eleganten Wolf hält. Das Wesen ist aber ein spanischer Podenco, er läuft einem erfreut entgegen, wie ein Gastgeber, und führt durch hochtreibende Kräuter zur Skulptur einer liegenden Nackten, von deren Kopf ein seltsames Brummen aufsteigt. Tritt man näher, stellt man fest, dass sich, wie in einem Film von David Lynch, anstelle des Gesichts ein Bienenstock befindet; die Bienen bedecken das unsichtbare Gesicht wie eine sich ständig verändernde Maske.

          Zusammenbruch und Heilung

          Dann fegt der Fabelhund schmalpfotig einen Hügel hinauf, der, wie man später erfährt, von dem französischen Künstler Pierre Huyghe mit Gewächsen bepflanzt wurde, die einen entweder guten oder schädlichen, in jedem Fall aber starken Effekt auf Gehirn oder Geschlecht des Menschen haben.

          „Collapse and Recovery“, Zusammenbruch und Heilung, ist eine der thematischen Losungen, die die diesjährige Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev für ihre Documenta ausgegeben hat - besonders im Hinblick auf den Zusammenbruch der Finanzmärkte, aber auch auf den der Sozial- und Ökosysteme. In Huyghes Naturtheater soll es um den Kollaps einer normalen Weltsicht gehen, um Berauschung, Wandel und Sinnesverwirrungen. Und nach dem Willen der Kuratorin wird der Park in der Stadt der Märchenbrüder Grimm zum Zauberwald einer anderen Selbsterfahrung mutieren: Twelfth Night, or What You Will, an der Fulda. Bei den ersten Vorbesichtigungen wurde energisch gestritten - die einen waren sichtlich bezaubert, die anderen schimpften über Surrealismus für Zuspätgekommene und monierten, dass man, wenn man nicht wisse, ob es dem Hund gefalle, ein rosafarbenes Bein zu tragen, man es ihm doch besser erspare; die ganze Anlage sei nichts anders als eine Variation der ins Quadrat gezwungenen Natur französischer Herrschergärten.

          Eine soziale Skultpur

          Was hat dieses Werk mit der tierfreundlichen Anthropozentrismuskritik der Documenta-Leiterin zu tun? Die bulgarisch-italienische Kunsthistorikerin, die in Amerika aufwuchs und zuletzt das Castello di Rivoli und die Sydney-Biennale verantwortete, hatte die Vorabberichterstatter der Documenta mit immer bizarreren Einlassungen zum angeblich unmaßgeblichen Unterschied zwischen Frauen, Tomaten und Hunden sowie der politischen Agenda von Erdbeeren unterhalten und verstärkt das Gefühl vermittelt, hier habe sich jemand von den Mühen des Verständlichseins großzügig beurlaubt. Sucht man nach einem ernsten Kern in Christov-Bakargievs eher kuratorodadaistischen Traktaten, dann geht es ihr wohl darum, anzuerkennen, dass „nichtmenschliche Lebewesen“ auch hochsensible Kommunikationsformen entwickelt haben, für ästhetische Reize empfänglich sind und Objekte herstellen, woraus - hier folgt die Kuratorin dem Philosophen Michel Serres - die Forderung wächst, den anthropozentristischen Blick auf Kunst und Welt aufzugeben und eine gelassenere und respektvollere Perspektive einzunehmen.

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