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Documenta 13 : Ein Hund mit rosafarbenem Bein

Einige der teilnehmenden Künstler haben ihre Räume bei dieser Kursnahme auf eine sensualistische Präsentation gleich in eine Wellness-Oase für den globalisierungsgestressten Besucher verwandelt - Ryan Gander etwa, der im Erdgeschoss des Fridericianums einen leichten Wind wehen lässt, während anderswo Stimmen eine wichtige Rolle spielen. Hier und da ist die Ausstellung, die ein Bewusstsein für eine mögliche andere Weltwahrnehmung bieten will, nicht weit vom einschläfernden „Spüre den Wind, lausche der Stimme“ jener Ayurveda-Treatments entfernt, die Wellnesscenter als „Fest für die Sinne“ anpreisen. Was da entsteht, ist eine sanftmatte Touch-me-feel-me-Kunst, deren Effekt nichts mit dem direct hit in the senses zu tun hat, sondern zu einem milden Entspannungsyoga verkommt.

Die Realität der Dinge

Nicht besser als dieses Wehen und Wabern sind die Auswüchse einer bürokratischen Ökologie, die hier ihre Sortiersysteme als Kunst anbieten darf: Im Ottoneum werden Samenkörner ausgestellt, die die Vielfalt von Reis- und Mangold-Sorten belegen. Eine Künstlerin presst Erde in Form von Goldbarren und erklärt dieses zur Kritik am aktuellen Geldsystem. Auch hier ist das Genre des als Kunst antretenden Dokumentarfilm-Fragments wieder anzutreffen, das diffuse Bilder von politischen Missständen in Indien und Mexiko zeigt und seine Rechtfertigung als „Kunst“ lediglich daraus zieht, dass es im Gegensatz zum Dokumentarfilm nicht genau verrät, wovon es handelt. So reicht es nur zu einem Unrechtsgefühl, das so diffus ist, dass es keinerlei Handlungsmöglichkeiten eröffnet. Das Ergebnis einer solchen Kunst, die es für ausreichend erachtet, metaphorisch verunklart noch einmal zu sagen, was schon bekannt war, ist Betroffenheitskitsch: Karl der Käfer wurde nicht gefragt, man hat ihn einfach fortgejagt.

Ein spannenderer Teil dieser Documenta ist der Präsenz, dem Erlebnis von Formen gewidmet, die sich jeder Deutung sperren und gerade deswegen die Imagination, das gemeinschaftsstiftende Gespräch anregen - als „thing“, was im Althochdeutschen, wie Heidegger einmal bemerkte, ja auch „Versammlung“ bedeutet. Das beginnt mit den aparten Objektwelten von Thea Djordjaze und den raumverwirbelnden Formtänzen in Trisha Donnellys abstraktem Film und endet bei den viertausend Jahre alten baktrischen Prinzessinnen - kleinen, zusammensteckbaren Figuren aus dem Gebiet des Hindukusch, bei denen nicht klar ist, ob es sich dabei um Spielzeug oder religiös konnotierte Gegenstände handelt. Als ein erschütternder Kontrapunkt zur hier so betonten Realität der Dinge wird die irreal wirkende Arbeit von Rabih Mroué gezeigt: Er arbeitet mit den Handyfilmen, die syrische Demonstranten von ihren Mördern machten, kurz bevor sie erschossen wurden.

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