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Documenta 13 : Ein Hund mit rosafarbenem Bein

„Traumatisierte“ Objekte

Das zweite große Thema dieser Documenta ist das physisch erfahrbare Objekt - als Speicher von Informationen, als Generator von Kommunikation und als Gegengift zu einem mit fiktiven Werten operierenden, ortlos-omnipräsenten globalen Kapitalismus. In einer „Brain“ genannten Kunst- und Wunderkammer im Rotundenraum des Fridericianums, die als thematische Ouverture der Documenta vorangestellt wird, finden sich verschiedene Zugänge zum Thema Formfindung, -zerstörung und -rettung: geschmolzene Fragmente aus einem verbrannten Museum, ein somnambuler Film der Künstlerin Tamara Henderson, in dem bizarre Vasen ein Eigenleben führen, dazu eine Sammlung bemalter Vasen, die der Maler Giorgio Morandi in genau der Farbe lackierte, mit der er sie nachher auf Leinwand malte - und so den Gegenstand mit seiner Repräsentation kurzschloss. All das ist spannend, wobei man durchaus ratlos sein kann bei Christov-Bakargievs übertriebenem Animismus und ihrer allenfalls poetisch zu verstehenden Frage, was ein Objekt empfinde, „wenn es angegriffen oder zerstört oder ignoriert oder missverstanden oder gar verschleppt“ werde (gar nichts, sonst wäre es kein Objekt). Und selbst dann fragt sich, als was das heiter gestreifte Handtuch hier fungiert, das einmal Adolf Hitler gehörte und das die Kriegsfotografin Lee Miller am 30.April 1945 beim Einmarsch der amerikanischen Armee in München aus seiner dortigen Wohnung mitnahm, nachdem sie - auch das belegen verstörende Fotos in dieser Documenta - dort ein Bad nahm.

Neben diesen Bildern, die von Traumatisierungen handeln (Lee Miller konnte die Bilder des Kriegs und der Konzentrationslager nie vergessen), werden im „Brain“ Bilder zerstörter Skulpturen aus dem Zweiten Weltkrieg mit zwei im Libanonkrieg deformierten Exponaten des Beiruter Museums konfrontiert. Allein diese Zusammenstellung ramponierter - in der psychologisierenden Sprache der Documenta-Macher „traumatisierter“ - Objekte birgt die Gefahr, dass die sehr unterschiedlichen politischen Gründe, warum hier etwas seine Form verlor, marginalisiert werden zugunsten eines wabernden Allgemeingefühls des Deformierten und Traumatisierten als Teils einer conditio humana, gegen das man dann Kunst als kompensatorischen Akt, als Heilmittel einzusetzen hat.

Sanftmatte Touch-me-feel-me-Kunst

Die Idee von Kunst als einem Akt der Heilung taucht an mehreren Orten auf. Pedro Reyes bietet in seinem „Sanatorium“ im Auepark Paar- und Urschreitherapien an, der Künstler Paul Ryan in seiner Hütte Kurse in „Threeness“, einer Kunst des Agierens zu dritt, im „Reflection Room“ kann man sich von Marcos Lutyens hypnotisieren lassen. Von den Autoren des Documenta-Katalogs wird energisch behauptet, es handele sich dabei keineswegs um eine Ausweitung gängiger Psychowellness in die Kunst - im Gegenteil „erkunden“ oder „untersuchen“, und zwar „kritisch“, die Künstler hier Sprache und Praxis des Therapeutischen. „Untersuchen“ und „erkunden“ sind die Lieblingsworte der Katalogautoren. Goshka Macuga „erkundet das politische Potential de Ausstellung“, indem sie eine „geisterhafte Zone der Halbwahrheit erkundet“. Sam Durant „erkundet die amerikanische Geschichte“, Penone „erkundet das Empathieverhältnis zwischen Natur und Kultur“. Christian Philipp Müller „untersucht kritisch die Bedingungen künstlerischer Produktion“, Lea Porsager „untersucht“ die Rolle de Okkultismus - und so weiter. Der Künstler wird als Ermittler vorgeführt, der von der Warte einer höheren Einsicht aus eine unbewusste, problematische Praxis aufdeckt. Tatsächlich kommt aber gerade in den Psychohäuschen in der Aue dabei ein unangenehm händchenhaltender, Autoritätsstrukturen zwischen Experten und Patient brav perpetuierender Psychosensualismus heraus.

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