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Documenta 13 : Ein Hund mit rosafarbenem Bein

Man muss bei dieser Documenta zwei Dinge deutlich trennen: die Ansichten ihrer Leiterin und die Qualität der gezeigten Werke. Viele Künstler dieser Documenta definieren das Verhältnis von Ästhetik und Politik ganz anders als ihre Gastgeberin - Theaster Gates etwa, der in Chicago die „Rebuild Foundation“ gegründet hat. In der Southside renoviert er mit Freunden heruntergekommene Häuser und weidet Bauten, die abgerissen werden sollen, aus, holt Dielen und Vertäfelungen, Türen und Fenster heraus und baut damit Skulpturen und Möbel. In Kassel hat Gates nun das lange leerstehende Hugenottenhaus mit acht Freunden bezogen und zu einem begehbaren Kunstwerk, einer sozialen Skulptur umgebaut: hat marode Decken herausgesägt, Räume geöffnet wie einst Gordon Matta Clark, Möbel aus dem aus Chicago mitgebrachten Container gezimmert, eine Küche eingerichtet, in der sich die Documentakünstler treffen.

Skeptische Geschichte von Erkenntnismodellen

An den Wänden hängen Kunstwerke, die aus dem Treibgut der Abrisshäuser entstanden, Bilder, die an Rauschenbergs Combine Paintings und an frühe abstrakte Collagen erinnern. Bands spielen Musik, in den kleinen Zimmern laufen Filme, manche sind öffentlich, in anderen schläft gerade jemand; das ausgeweidete Haus, in dessen Einbauten das zweite, amerikanische, als Palimpsest durchscheint, macht, als soziale Maschine und überraschende Wendung des Themas „Collapse and Recovery“, die Grenzen und Berührungen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen weicher: Es wird denkbar, zu schlafen, während nebenan eine Ausstellung oder eine Aufführung stattfindet, ein Flur führt plötzlich in ein Zimmer, das im Freien liegt, Fremde bekommen Tee angeboten: Das Haus erscheint als Bühne, auf der Gemeinschaft neu gedacht wird.

1955 wollte die erste Documenta einen Überblick über jene Moderne, die die Nationalsozialisten aus den Museen verbannt hatten, die vierte von 1968 einen Überblick über die aktuelle Kunst geben. Diese Aufgabe erfüllen heute zahllose Biennalen - was den Druck auf die Documenta erhöht, thetisch zu sein und die Welt durch den Filter der Kunst neu zu sortieren. Im Fridericianum werden die Exponate unter dem Motto „Collapse and Recovery“ zu einer kritischen Wissenschaftsgeschichte des Denkens in Bildern verdichtet. Hier geht es vor allem um den Kollaps von Welterklärungsmodellen, um eine Formgeschichte ihres Aufkommens und Zerfallens. In einem Raum werden die verschwörungstheoretischen Diagrammbilder von Mark Lombardi ausgestellt, der die internationalen Verbindungen von Pressure Groups, Industrie und Machthabern in komplexen Bildsystemen sichtbar machen wollte. Nebenan zeigt der Quantenphysiker Anton Zeilinger am Beispiel von Wellenverhalten und Teilchenverhalten, wie es in der Physik zum produktiven Kollaps von Hypothesen kam. Naturwissenschaften treten in dieser Documenta in doppelter Funktion auf - als Produzenten von Erkenntnismodellen, die auf Bilder und ästhetische Effekte angewiesen sind, und eines Denkens, dass sich selbst ständig widersprechen muss. Im Erdgeschoss darf ein Epigenetiker einen ganzen Raum bespielen mit einer Installation, die an Damien Hirsts Tablettenregale erinnert - nur dass hier in kleinen Behältnissen DNS-Sequenzen ausgestellt werden: Alexander Tarakhovsky versucht zu erforschen, ob Erlerntes, Erfahrenes oder Erlittenes das Genmaterial verändert. Dass die Kuratoren in Tarakhovskys Raum zwei nach der sogenannten paranoid-kritischen Methode gemalte Bilder Dalís hängen, bettet seine Hypothese in eine skeptische Geschichte von überpointierten, unterkomplexen Erkenntnismodellen ein.

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