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documenta 12 : Angriff auf die Zeit

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Betrachten wir unsere Gegenwart gar mit den Augen von Archäologen, so erscheint, was vertraut und sicher schien, plötzlich fremd. Menschen, Dinge, Ereignisse, alles wird mit einem Mal wahrgenommen, als ob es aus der Vergangenheit stamme und wir es nun zum ersten Mal sähen. So, als hätte sich im Herzen unserer Gegenwart eine Zone gebildet, die angefüllt ist mit Unerledigtem – mit lauter Dingen, von denen wir nicht mehr wissen, wohin sie gehören und was sie bedeuten. Hier ist sie wieder, die Erfahrung der Moderne: Alles könnte auch anders sein. Statt reich und satt könnten wir arm und hungrig sein, statt gebildet chancenlos, statt wohlbehütet ausgesperrt. Und wie sehr wir uns auch anstrengen, wir finden keinen wirklich zureichenden Grund, weshalb die Dinge so sind, wie sie sind.

Die nie alternde Epoche

IX. Die Frage, ob und inwiefern die Moderne unsere Antike ist, zielt also darauf, wie wir mit der Moderne als einer Vergangenheit umgehen, die permanent den Bruch mit dem Vergangenen zelebriert und nur das jeweils Gegenwärtige gelten lässt. Mark Lewis macht im ersten „documenta Magazine“ am Beispiel eines modernistischen Apartmenthauses in Vancouver, das er seit Jahren fotografiert, klar, wie verstörend die Feststellung sein kann, dass auch modernistische Formen altern und historisch werden.

Für Charles Baudelaire, so Lewis, sei Modernität „der Ausdruck des Verschwindens einer bequemen oder kausalen Beziehung zu unserer Vergangenheit, an deren Stelle ein Beharren auf der Gegenwart tritt, verbunden mit der Überlegung, wie sich diese Gegenwart in der Zukunft entfalten und verändern könnte“. Wie aber soll eine Epoche altern, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, jene zu sein, die niemals altert? Sind wir all der Kämpfe gegen die Vergangenheit nicht längst müde geworden? Und häufen wir nicht auch deshalb in all den Museen für moderne Kunst das gerade noch Gegenwärtige an, weil wir ahnen, dass wir es noch brauchen werden?

Die Chance der documenta

X. Erkennen wir in der Moderne tatsächlich unsere Antike, so hat das weitreichende Konsequenzen. Wenn im achtzehnten Jahrhundert die Antike als Bezugspunkt von der Gegenwart abgelöst wurde, so würde diese nun ihrerseits zu etwas Vergangenem. Dann stünde die Tür plötzlich wieder offen und wir wären nicht länger nur auf uns selbst und unser eigenes Denken angewiesen, wenn es darum geht, Normen und Werte zu begründen. Denn Bezugspunkt wäre alles, was uns an Vergangenem gegenwärtig ist. Auch die zeitgenössische Kunst wäre dann nicht länger allein auf jene Werke beschränkt, die in der unmittelbaren Gegenwart entstehen.

Dann wären, wie es die documenta versucht, ein alter Teppich, ein Gemälde des neunzehnten Jahrhunderts und eine Miniatur aus dem vierzehnten Jahrhundert mit einem Mal zeitgenössisch. Mehr noch: Diese Werke vermittelten einen Eindruck davon, wie in früheren Zeiten kulturelle Unterschiede überbrückt wurden. Hier wittert die documenta 12 ihre Chance. Vielleicht werden wir in Kassel erfahren, dass die Moderne bei ihrem Versuch, tabula rasa zu machen, nicht gar so erfolgreich war und wir sie mit Gewinn als etwas Vergangenes betrachten können. Soll man das abermals „postmodern“ nennen? Ist mit der Globalisierung und der Ökonomisierung aller Lebensbereiche die Welt gar nicht entzaubert? Im Zauberwald von Kassel könnten wir Erfahrungen machen, die einer Antwort nahe kommen.

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