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documenta 12 : Angriff auf die Zeit

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VI. Was antwortet die Kunst? Das Spektrum wird weit gespannt sein, die Antworten werden ebenso vielfältig wie undeutlich ausfallen. Doch es lassen sich unter den vielen Künstlerinnen und Künstlern einige finden, deren Werk das Scheitern der Utopien der Moderne, das Ende der Ismen und den Übergang zu einem Patchwork der Stile und Medien, zu Vielfalt und Partizipation begleitet haben. Es ist dieser utopische, leere Kern, zu dem die Kunst in den sechziger und siebziger Jahren vorstoßen wollte. „Break on through – to the other side“, sangen die Doors, und es klang wie verwehte Tanzmusik, die es in andere Sphären verschlagen hat.

„Worauf ich gerade warte, ist eine Fusion zwischen ,Kunst‘ und ,Leben‘“, notiert die amerikanische Künstlerin Lee Lozano 1969. Knapp zwei Jahre später fügt sie hinzu: „Dies mag erreicht sein, aber bisher bringt es mich nirgendwohin.“ Ihre Zeichnungen und Gemälde, perfekte Kegel und Gewinde, Werkzeuge, die sich in Geschlechtsorgane verwandeln, kühl und erotisch, abstrakt und zugleich beängstigend, sind Teil jener Experimente, die zur Minimal Art führten. Carl Andre hielt einige ihrer Zeichnungen für die schönsten Darstellungen von Material, die er je gesehen habe, bevor Material außerhalb des Geistes unwichtig und es notwendig wurde, „die Leinwand des Gehirns zu färben“.

Lang vergessene Ansätze

VII. Neben der Verherrlichung der Oberfläche, dem Glanz der Waren und einer Kritik der Medien gab es in den sechziger und siebziger Jahren auch weniger prominente und lange vergessene Ansätze. Auch auf diese setzt die documenta. Etwa auf die Werke von Charlotte Posenenske, deren Drehflügel-Objekte den Betrachter zum Benutzer machen und es dem sozialen Gebrauch überlassen, Formkonstellationen zu erproben.

Oder auf Mary Kelly, die mit ihrem siebenjährigen Projekt „Post-Partum Document“, das sie mit der Geburt ihres Sohnes begann, nicht nur das Private öffentlich machte, sondern auch die geschlechtsneutrale Konzeptkunst herausforderte. Mit Atsuko Tanaka, einer der wichtigsten Avantgarde-Künstlerinnen Japans, der Inderin Nasreen Mohamedi und der Slowakin Mária Bartuszová erscheinen weitere Positionen, die vom Rand des Wirbels aus auf die Moderne blicken.

Historisch geprägte Räume

VIII. Buergel entziffert die Geschichte der ersten documenta, um den Anspruch, den er darin ausmacht, erneuern zu können. Das schließt das Atmosphärische historisch geprägter Räume und Präsentationsweisen ein. Dessen Spektrum reicht vom Fridericianum, dem ersten öffentlichen Museumsbau auf dem Kontinent und dem ersten „Museum der Aufklärung“, über die Neue Galerie, deren Bau den individuellen Kunstgenuss fördert, bis zum neuen, aus vorgefertigten Teilen bestehenden Aue-Pavillon, der Hermann Matterns Idee einer temporären Zeltkonstruktion aus den fünfziger Jahren in die Gegenwart übersetzt und einen „open space“ als alternativen Ort der Präsentation schafft.

Das Fundament unserer Gegenwart

VII. Die Frage, ob die Moderne unsere Antike sei, ist keineswegs akademisch. Sie betrifft das Fundament unserer Gegenwart und ist ein Angriff auf die Zeit. Was bedeutet „Gegenwart“ unter den Konditionen einer globalen Ökonomie? Wo lassen sich Gemeinsamkeiten der Kulturen ausmachen? Was kann die Kunst dazu beitragen? Tatsache ist: wir blicken heute anders auf uns selbst und die Welt als in jener Zeit, die wir gewöhnlich als die Moderne bezeichnen.

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