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documenta 12 : Angriff auf die Zeit

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III. Genealogie der Gegenwart und Migration der Form – beides trägt zur Beantwortung der Frage bei, wie in einer Ausstellung mit der Erfahrung von Bruch und Kontingenz umzugehen sei. Und wie Mitte der fünfziger Jahre, so gilt auch heute: die Formschicksale der Moderne lassen sich nicht „kontinuierlichen Linien entlang nachzeichnen“. Bode, so interpretiert ihn Buergel, habe dabei der Gefahr einer „völligen Beziehungslosigkeit“ ins Auge gesehen – einer Beziehungslosigkeit, die „im Verhältnis der ausgestellten Werke zueinander“ ebenso entsteht wie „im Verhältnis zwischen den Werken und ihrem Publikum“.

Dieser Gefahr sieht auch die d 12 ins Auge. Buergel sucht aber gegenzusteuern, indem er die Werke nicht isoliert, sondern ein Geflecht von Beziehungen zwischen diesen und dem Publikum herstellt. „Dass diese Erfahrung reiner Kontingenz zumindest potentiell die Möglichkeit völlig anderer Beziehungsformen birgt – diese gleichermaßen ethische wie ästhetische Lektion“, so Buergel, wusste die erste documenta am Ende erfolgreich zu vermitteln. Die aktuelle documenta will sie unter veränderten Bedingungen am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts erneuern.

Ethik des Miteinander

IV. Zu den Lektionen, die in Kassel zu lernen wären, gehört die vom Veralten der Moderne, vom Scheitern der Vereinigung von Kunst und Leben und vom Überschreiten einer nur noch in sich kreisenden Gegenwart. Hier öffnet sich ein Spalt und erlaubt einen Blick in ihr Zentrum: Auf dem Boden einer späten Moderne, in der die Tradition ihre Kraft, eine Gesellschaft zu zivilisieren, mehr und mehr verloren hat, das Brüchige der Gegenwart offen zutage tritt und die Erfahrung, alles könnte auch anders sein, allgemein geworden ist, versucht eine Ausstellung in Kassel andere Beziehungsformen vorzuführen, um in der Erfahrung „von Objekten, deren Identität sich nicht identifizieren lässt“, eine neue Form von Selbstverständigung anzustoßen.

Kann das gelingen? Kann ein Gemeinwesen unter den Bedingungen der Globalisierung im Medium „Ausstellung“ lernen, sich als Gemeinwesen zu begreifen? Kann die documenta tatsächlich ein Laboratorium sein „zur Herstellung einer Ethik des Miteinander“? Buergel ist klug genug, einen derart hohen Anspruch in drei Fragen zu fassen, die als Leitmotive fungieren und „an die Kunst und ihr Publikum“ gerichtet sind. Wahrscheinlich lassen sich heute nur so, als Befragung der Produzenten und der Rezipienten, Umfang und Grenzen unseres Gebrauchs von Kunst bestimmen.

Moderne und Antike

V. Die erste Frage lautet: Ist die Moderne unsere Antike? Anders ausgedrückt: Ist die Menschheit imstande, über alle Differenzen hinweg, einen gemeinsamen Vergangenheitshorizont zu erkennen? Und ist die Kunst womöglich das Medium dieser Erkenntnis? Zweitens wird gefragt: Was ist das bloße Leben?

Was macht das Leben aus, wenn man all das abzieht, was nicht wesentlich zum Leben gehört? Hilft uns die Kunst auf die Sprünge, um zu Wesentlichem zu gelangen? Und drittens: Was ist zu tun? Was haben wir zu lernen, um der Globalisierung seelisch und intellektuell gewachsen zu sein? Ist das eine Frage ästhetischer Bildung?

Der utopische, leere Kern

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