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Kunstzerstörung : Das Geschenk der Wettergötter

Atemberaubend, in welchem Tempo in Kassel die Kunstwerke zerstört werden: Erst entfernte die Kasseler Straßenreinigung die weißen Kreuze der chilenischen Künstlerin Lotty Rosenfeld, dann fiel Ai Weiweis Schuttskulptur zusammen. Doch den Künstler freut's.

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          Es ist schon viel passiert auf den großen Kunstausstellungen der letzten Jahre, aber dass die Kunst vom Katastrophenschutz beaufsichtigt werden muss, das ist dann doch neu. Und neu ist auch das Tempo, mit dem in Kassel auf der soeben eröffneten documenta die Kunstwerke zerstört werden: Erst entfernte die Kasseler Straßenreinigung eine Arbeit der chilenischen Künstlerin Lotty Rosenfeld, die weiße Kreuze auf die Straße geklebt hatte; das war aber noch nichts gegen das Schicksal des vielleicht populärsten Kunstwerks der diesjährigen documenta: Aus Türen und Fenstern alter Häuser, die dem Bauboom in China zum Opfer gefallen sind, hatte der Pekinger Künstler Ai Weiwei in der Karlsaue eine zwölf Meter hohe Skulptur errichtet – und diese Skulptur ist jetzt, nach einem Unwetter in sich zusammengestürzt, und zwar, muss man sagen, auf eine äußerst kunstvolle Weise.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Schon vorher sah Ai Weiweis „Template“ so zerfressen und monströs aus, als habe man eine gigantische Skulptur nach Jahren aus den Tiefen des Meeres geborgen; jetzt erinnert sie an eine zerborstene archaische Maschine mit Mühlrädern, deren Sinn einem rätselhaft bleiben, und sieht auf eine eigenartige Weise viel eleganter aus, was auch ihren Schöpfer freut, der sein Werk nicht wieder aufbauen lassen will. „Das ist besser als vorher“, sagte Ai Weiwei, „jetzt wird die Kraft der Natur sichtbar. Und Kunst wird durch solche Emotionen erst schön.“

          Die schockhafte Überraschung der Kunst

          Ai Weiwei ist nicht nur Künstler, sondern auch Architekt; zusammen mit den Schweizern Herzog & de Meuron baut er gerade das Pekinger Olympiastadion – und besonders bei Architekten hat die Begeisterung für von den Naturkräften deformierte Objekte eine lange Tradition: Schon Le Corbusier sammelte manisch im Meer zersplitterte und abgeschliffene Muscheln und Steine, ließ sich von ihnen zu neuen Bauformen inspirieren und schrieb Traktate, in denen er erklärte, warum Ruinen und Zerborstenes so viel interessanter, komplexer und schöner seien als reine Formen. Im Prinzip wird durch den gestaltenden Eingriff der Natur Ai Weiweis Objekt zu einem Lehrbeispiel für Dekonstruktion. Interpretationsfreudige Ruinenbesucher könnten sagen: Aus Teilen der zerstörten alten Häuser machte Ai Weiwei eine Skulptur, wandelte die Destruktionsenergie der Globalisierung also in eine neue, sinnbefreit schöne Form um; dieses Kunstwerk wird nun von der klimaveränderungsgebeutelten Natur noch einmal verformt.

          Aber man muss das Objekt am Ende gar nicht gleich als Metapher der diversen Stürme lesen, die die Gegenwart heimsuchen, sondern erstmal als eine beispiellose Form, die so interessant ist, weil sie so monströs ist. Vor allem eins fällt, vor diesem alchemistischen Gemeinschaftswerk von Kultur und Naturgewalt, auf: Es gibt, in der Kunst wie in der Natur, einen Moment der schockhaften Überraschung vor unerwartet schönen Formen; von Blitzen zerschmetterte Bäume, im Sturm gestrandete und zerborstene Schiffe, Wracks und Monster aller Art ziehen uns magisch an. Und am Ende ist gute Kunst immer auch monströs und lebt vom Unberechenbaren, vom Schock der nie gesehenen, zufällig geglückten Form, mit der keiner rechnen konnte.

          Produktives Scheitern ist ein Grundmotiv dieser documenta – in diese Kunstgeschichte des Aufgebens und der durch Deformation befreiten Form passt auch Ai Weiweis zusammengestürzte Bauschrottkathedrale: so gesehen haben die Wettergötter Roger M. Buergel und seiner documenta am Ende das perfekte Kunstwerk beschert.

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