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documenta 12 : Befreiung aus der Gefangenschaft des Marktes

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Mit der documenta in Kassel wurde am Samstag die wichtigste Schau der Gegenwartskunst eröffnet. Und diesmal gelingt ihr tatsächlich so etwas wie ein Neuanfang: Sie macht Schluss mit Spektakel und bietet Raum für die Kunst. Thomas Wagner hat die Ausstellung besucht.

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          Wappentiere haben frei. Köche ebenso. Die Zerlegung der Kunst in Geschmacksmoleküle, die als Gemüse-Schäumchen ihr luftiges zweites Leben aushauchen, ist verschoben. Ferran Adrià kocht weiterhin nur zuhause, was der documenta 12, die am Samstag in Kassel eröffnet wurde, eine Station in der Ferne beschert. Geahnt hatte man es längst; doch der kleine faule Marketing-Zauber ist so schnell vergessen wie die „kuratorische Willkür“, mit welcher der documenta-Tisch im „elBulli“ besetzt werden soll.

          Es ist nichts los, in Kassel, aber es ist wunderbar. Nicht einmal den roten Teppich, ausgerollt aus Mohn, braucht es; der ist bis auf weiteres nur ein karger, nahezu blatt- und blütenloser Acker. Auf dem Polit-Karussell, das Andreas Siekmann um den Sockel des Denkmals Friedrich II. gebaut hat, ziehen die Wappenschilde der politischen Kunst vorbei, als wollten sie uns zum Abschied noch einmal zuwinken. Ciao Weltgeist! Und dann und wann eine Gruppe Chinesen. Nicht einmal „Brownie“, die wie ein ganzes Volk gebeutelte Giraffe, die Peter Friedl aus dem Zoo vom Qalqiliyah im Westjordanland nach Kassel holte und die wie ein staatenloses Bild, das nicht passen will, durch die Magazine geistert, lässt sich zum Trauertier der documenta 12 machen. In hoc signo vinces? Das ist vorbei. In Kassel wird in keinem Zeichen gesiegt, und es siegt auch keines der Zeichen. Hier ist Schluss mit Spektakel. Es mischen sich Zeiten und Zeichen, um gesehen, gelesen, diskutiert zu werden.

          Zwischen Formlosigkeit und Formschicksal

          „Die große Ausstellung hat keine Form“, notieren der künstlerische Leiter der documenta 12, Roger M. Buergel, und seine Kuratorin Ruth Noack keck im Katalog. Und: „Präzision mit Großzügigkeit zu kombinieren, lautete für uns die Aufgabe.“ Irgendwo zwischen Formlosigkeit und Formschicksal, zwischen dem künstlerischen Drang zur Form und deren kulturellem Transfer lassen Buergel und Noack sich die Ausstellung entwickeln. Hier ist genau zu lesen: sie machen keine Ausstellung, sie lassen diese sich entwickeln, entfalten, sich ausbreiten. Darin liegt der Unterschied - und die Provokation. Der Geist weht trotzdem nicht, wo er will. Eng geschnürt ist das Netz, in dem sich Bedeutung vielfältig auslegt, Freundschaften sich anspinnen und sich Nachbarschaften ergeben. Der Kurator wacht über die Knotenpunkte.

          „Der Kanister ist der verbreitetste Gebrauchsgegenstand in Benin“, sagt Romuald Hazoumé. „Dream“ heisst sein Boot aus Kanistern, vor dem geschrieben steht: „Damned if they leave and damned if they stay: better, at least, to have gone and be doomed in the boat of their dreams.“ Auf einem Traumboot kehrt der Geist der Moderne zurück nach und aus Afrika, lustig, aber widerspenstig. Die documenta 12, heißt es in einem Leporello lapidar, ist „ein Erfahrungsraum“. Und wirklich - es klappt. Man taucht ein in dieses „Kraftfeld“ aus Werken, spaziert entspannt durch diesen großen „Möglichkeitsraum“, in dem nichts ein für allemal als fixiert betrachtet werden kann.

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