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Dionysos-Ausstellung in Hamburg : Lebt sich’s besser ungeniert

  • -Aktualisiert am

Ekstasen sind zeitlos: Das bezeugt die Faszination, die Dionysos, der Weingott im antiken Griechenland, bis heute ausübt. Das Bucerius Kunstforum in Hamburg widmet sich ihm.

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          Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein, deutscher Gesang: Als 1841 auf dem Hamburger Jungfernstieg erstmals Hoffmann von Fallerslebens Deutschlandlied erschallte, war von Bier nicht die Rede. Der Dichter sprach lieber dem Wein zu. So schrieb er: „Und wenn’s meine größte Schwäche wäre, ich verdanke ihm mit die schönsten und heitersten Stunden. Der Wein ist eine verkörperte Idee der Liebe.“ Statt Wotan hing Hoffmann von Fallersleben dem Dionysos an, als er Wein statt Bier zum Nationaltrank kürte.

          Wenige Meter vom Erstaufführungsort entfernt, zeigt nun das Hamburger Bucerius Kunstforum in einer Koproduktion mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die taumelige Lebenswelt des griechisch-römischen Weingottes. Dionysos nannten ihn die Griechen, Bacchus die Römer. Vasen, Skulpturen, Reliefs, Bronzen, Kupferstiche, Zeichnungen und Gemälde bieten Weinschläuche, dicke Bäuche, ekstatische junge Frauen, Männer mit kräftigen Phalli, Kinder mit Locken und Efeukränzen, alle Wein kostend – und vergessen machend, dass Dionysos auch generell Gott der Vegetation war.

          Der Outlaw unter den Göttern

          Dionysos, der Ausnahmegott: Erst spät gelangte er als Sohn des Göttervaters Zeus und einer Sterblichen in den Olymp. Kein anderer hatte eine so bewegte, zwischen Abstürzen und Triumphen schwankende Kindheit wie er. Einen „Outlaw“ nennt ihn Ortrud Westheide, die Direktorin des Kunstforums, der, anders als die anderen Götter, eine große Gefolgschaft besaß. Der alte Silenos, ein wackerer Zecher, war sein Ziehvater, sein Motto verkündete der antike griechische Tragödie Euripides: „Denn wer am Trinken sich nicht freut, der ist ein Narr.“ Dionysos’ Geliebte ist Ariadne, die verlassene Königstochter, in die er sich auf der Insel Naxos verliebte. Die Mänaden, „Rasende“, begleiteten den Gott auf seinen nächtlichen orgiastischen Streifzügen durchs Gebirge, umschwärmt von den Satyrn, wilden Männern mit Dauererektion. Weil Esel neben Stieren der griechischen Antike Inbegriff von Geilheit waren, malten die Künstler den Satyrn Eselsohren.

          Kein anderer Gott der Antike wurde so oft gemalt und gemeißelt wie er samt seinem Gefolge. Doch anders als der meist athletisch-stählerne Apollon war Dionysos ein Jüngling mit weiblichen Zügen – und damit auch in geschlechtlicher Sicht ein Grenzgänger. Um das göttliche Ideal nicht allzu sehr anzukratzen, überließ man die zügellose Lüsternheit seiner Begleitung; Dionysos’ Begierde stellten die antiken Künstler nicht dar.

          Der Großteil der neunzig Exponate stammt aus den drei Museen mit den bedeutendsten Dionysos-Sammlungen: Der National Gallery London, dem Kunsthistorischen Museum Wien und den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden: Letztere stellten allein dreißig Werke zur Verfügung, darunter die weltberühmte „Dresdner Mänade“, eine römische Skulptur, die sonst nicht ausgeliehen wird.

          Dionysos’ Menschenähnlichkeit, sein Grenzgängertum und sein enthemmtes Gefolge faszinierten und inspirierten, worauf die Schau ein Schwergewicht legt, auch die Künstler der Renaissance und des Barock. Andrea Mantegna revitalisierte um 1470 in seinen Kupferstichen die antiken Darstellungen; dafür hatte er einen der drei damals in Rom öffentlich zugänglichen Sarkophage mit Dionysos-Darstellungen studiert. Folgerichtig findet sich nahe bei Mantegnas Fries „Bacchanal vor der Weinkufe“ ein römischer Sarkophag mit dem Relief eines Triumphzugs des Dionysos, geschaffen um 210 nach Christus. Auch Peter Paul Rubens nutzte antike Vorbilder. Seinem in Farben und Lichteffekten geradezu überbordenden „Silen, an einem Baumstumpf lehnend“ stand um 1600 eine römisch antike Brunnenfigur Pate. Erstmals seit der Meister den Trunkenbold malte, sind Zeichnung und Brunnen in Hamburg wieder vereint.

          Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert

          Solche Jahrhunderte überspannende Treffen sind verblüffende Höhepunkte der Ausstellung. Etwa dann, wenn das kreisrunde Gemälde „Eroten bei der Kelter“ aus dem Umkreis von Raffael oder das von Jusepe de Ribera um 1635 geschaffene Bildnis des Dionysos als Adaptionen antiker römischer Reliefs erkennbar werden. Das Relief, das Ribera anregte, zeigt Dionysos, wie er samt Gefolge das Symposion eines Sterblichen heimsucht. Hier alt und bärtig, verhindert der durch Prüfungen und Niederlagen gereifte Gott, dass seine Gefährten allzu wild wüten. Die jüngsten Werke dagegen, wie das Gemälde „Faun und Nixe“, 1918 von Franz von Stuck gemalt, flirren vor erotischer Spannung – mit dem Rückgriff auf legitimierte klassische Sujets konnten Künstler der Wilhelminischen Kaiserzeit die prüden bürgerlichen Moralvorstellungen unterlaufen.

          Es sei die erste Ausstellung, die Werke dieses Themas von der Antike bis zum 20. Jahrhundert zu einer übergreifenden Schau versammele, sagt Ausstellungskurator Michael Philipp. Der Blick auf den Gott „als ein wirkungsmächtiges Symbol, das von der Antike bis in die Gegenwart präsent ist“, unterscheide die Hamburger Ausstellung von anderen erfolgreichen Dionysos-Schauen der vergangenen Jahre in Berlin und München. Man wolle die „lebenspralle, ausgelassene Sphäre des Dionysischen“ verdeutlichen, erklärt er weiter. Schwierig vielleicht in einer Stadt, die gerade mal fünfzig Weinstöcke oberhalb der Landungsbrücken an der Elbe ihr Eigen nennt. Doch im Bann der unwiderstehlich ekstatischen Kunstwerke vergisst man rasch, dass nahe beim Bucerius Kunstforum lediglich reichlichst Alsterwasser fließt.

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