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Johann Füssli in Basel : Dieser Horror ist köstlich

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Erhabene Nachtstücke: Eine Ausstellung im Kunstmuseum Basel widmet sich Johann Heinrich Füssli. Ein begnadeter Maler war er nicht, aber für Shakespeare hat er viel bewirkt.

          Für Johann Heinrich Füssli (1741 bis 1825) blieb das Historienbild die höchste aller Gattungen. Der in Rom zum Maler ausgebildete Künstler, der sich 1780 in London niederließ, hat ihr allerdings neues Leben eingehaucht. Den Ausgangspunkt dazu bildeten seine Studien der Literatur, namentlich der englischen. Zwei Autoren stehen für Füssli im Zentrum: William Shakespeare und John Milton. Mit ihnen hat er sich zu einem Zeitpunkt befasst, als weder die Stellung des einen noch die des anderen in England unangefochten war. Shakespeare verdankt seine Unsterblichkeit vor allem dem großen Schauspieler David Garrick, einem Zeitgenossen Füsslis, der die Rollen des Dichters in unvergleichlicher Weise wiederbelebte. Füssli war davon tief beeindruckt. Zwar hat er Garrick selbst nicht gemalt, sich aber selbst Szenen lebhaft im Geiste ausgemalt. Dabei könnte man leicht an das Drama denken. Doch weit gefehlt. Füssli selbst formulierte einst, die nachahmende Kunst sei entweder episch-erhaben, dramatisch oder historisch. Dass ihm das Erhabene am Herzen lag, lassen die in Basel versammelten Bilder zur Gewissheit werden.

          Füssli war alles andere als ein begnadeter Maler. Zwar kann er alles darstellen, und die Vorbilder aus der Geschichte der Malerei lassen sich an Einzelfiguren nachweisen, aber häufig sind doch die Körperproportionen verzeichnet. Was anderen zum Nachteil gereichen würde, weiß er zu einem Vorteil umzumünzen. An die Stelle sklavischer Nachahmung tritt der Effekt, dem größte Freiheit zugebilligt wird. Schon in der Zürcher Zeit war er über Johann Jakob Bodmer mit der älteren europäischen Literatur und ihrer Sagenwelt in Berührung gekommen. Die Edda wie das Nibelungenlied waren ihm vertraut. In der Ausstellung sind sie allerdings lediglich in späten, ins frühe neunzehnte Jahrhundert datierten Werken zu finden, etwa in „Hagen und die Nymphen in der Donau“. Der nur fragmentarisch erfasste Reiter zückt angesichts der ihm zuwinkenden, geisterhaft dargestellten Nymphen sein Schwert.

          Was hier als gespenstisches Nachtstück in knappster Form erfasst ist, verdankt sich in seiner Stringenz den vorausgegangenen Gemälden zu Shakespeare. Die Londoner Verleger John Boydell und James Woodmason ließen sich von Füssli je ganze Shakespeare-Galerien malen. Boydells Galerie umfasste nicht weniger als neun Werke des Künstlers. Offenbar blieb die Wahl des Themas weitgehend frei. Ziel war es augenscheinlich, jene Momente zu erfassen, die für das Medium der Malerei besonders geeignet waren. Geeignet waren wiederum jene, die den Betrachter nicht nur intellektuell, sondern vielmehr emotional in das dargestellte Geschehen einzubinden wussten.

          Wo freilich ein heiterer Shakespeare zur Vorlage wird, kann sich der Humor ausleben

          Der delightful horror, ein Merkmal einer Sentimentsästhetik seit dem frühen achtzehnten Jahrhundert, findet nirgends mehr Bestätigung als bei Füssli. So wird aus Hamlet die vierte Szene des dritten Aktes aufgegriffen, wo der tote Hamlet erscheint. Aus Macbeth wird die erste Szene des vierten Aktes malerisch mehr kommentiert als erfasst. Aus getrübten Augäpfeln stiert eine behelmte Fratze von unten rechts zum König hoch, der im Schrecken erstarrt, während drei grimmige Hexen seinen Blick dirigieren.

          Wo freilich ein heiterer Shakespeare zur Vorlage wird, kann sich der Humor ausleben. Hatte eben noch William Hogarth in einem Kupferstich gelehrt, dass die strenge Perspektive und ein stringenter Körpermaßstab niemals zu vergessen seien, wird von Füssli in „Titania liebkost Zettel mit dem Eselskopf“ aus dem vierten Akt des Sommernachtstraumes alles wild durcheinander komponiert. Den riesigen Zettel umschweben Figuren jeder Größe und Form, und die Szenerie wird an der rechten unteren Ecke von einem winzig kleinen Paar beobachtet, das eine englische Parklandschaft grazil beleben könnte.

          Auch für sich selbst hat Füssli eine Literaturgalerie mit über vierzig Werken gemalt, die allerdings auf John Miltons „Paradies lost“ basieren. Den erwarteten finanziellen Erfolg hat sie ihm nicht gebracht, wohl aber die Stelle als Professor an der königlichen Kunstakademie in London. Hier wird nicht mehr das Schauerlich-Schöne, sondern das Großartig-Erhabene zum Leitfaden, der sich formal an Vorlagen aus dem italienischen Manierismus labt. Im fliehenden, von Ithuriels Schwert berührten Satan feiert ein Ignudo nach Michelangelo Urstände, allerdings wieder in effektvoller, ja beinahe effekthascherischer Verzeichnung.

          Über den Akt der Inspiration, worunter wohl jener der Dichter wie jener Füsslis rubriziert werden darf, hat er selbst nachgedacht und ihn nachgemalt. Darstellungen inspirierter Poeten, deren Augenlicht teilweise schon verblichen ist und die aus der inneren Anschauung (er)finden, bilden den Abschluss einer Ausstellung, die mit ihrer Reflexion über mediale Wechsel und mediale Angemessenheit erstaunliche Aktualität für sich beanspruchen darf.

          Füssli. Drama und Theater. Im Kunstmuseum Basel; bis zum 10. Februar 2019. Der Katalog kostet umgerechnet 42 Euro.

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