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Diebstahl im Museum in Laren : Van Goghs Frühlingserwachen fällt aus

„Frühlingsgarten“ (1884) von Vincent van Gogh Bild: Archiv

Aus dem Museum Singer Laren östlich von Amsterdam ist ein Bild gestohlen worden, dessen materieller Wert schon hoch ist. Der kunsthistorische Wert aber ist immens.

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          Alle Bereiche des Lebens sind inzwischen mit dem Corona-Virus verknüpft, selbst der Diebstahl eines Gemäldes von Vincent van Gogh in der Nacht zu Montag: Gnadenlos nutzten die Täter die krankheitsbedingte Schließung des Museums Singer im niederländischen Laren aus, in dessen Sonderschau „Spiegel der Seele“ sich van Goghs „Frühlingsgarten“ von 1884 befand, der aus dem besser gesicherten Museum von Groningen ausgeliehen wurde. Dessen Direktor Andreas Blüm, der eigentlich Bestohlene, stieß denn auch sichtlich bewegt auf einer Videokonferenz den Satz „Das ist ein Diebstahl an uns allen“ aus.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          In Laren, einem 1956 eröffneten Stiftungsmuseum des amerikanischen Moderne- und-Expressionismus-Sammlerpaars William und Anna Singer, war lediglich das Nötigste an Wachpersonal eingesetzt. Die Diebe konnten wohl ohne großen Aufwand etwaige nächtliche Rundgänge ausbaldowern. Sie kamen um 3.15 Uhr durch den gläsernen Haupteingang und entwendeten vor dem Eintreffen der Polizei gezielt nur den „Frühlingsgarten“; vergleichsweise ein Spaziergang, wenn man an die stark gesicherten großen Van-Gogh-Schauen wie die jüngst im Frankfurter Städel zu Ende gegangene denkt. Man müsste für die vielen coronabedingt freigesetzten, weil stundenweise bezahlten Museumswärter und Kräfte fordern, dass sie als Wachpersonal eingesetzt werden. Das aber ist unrealistisch, weil durch das fortgeschrittene Outsourcing der Museen die Nachtwächter meist privaten Securityfirmen angehören und nichts mit den übrigen Museumsangestellten zu tun haben.

          Den Versicherungswert des gestohlenen Bildes will derzeit noch niemand beziffern, der kunsthistorische Wert ist indes beträchtlich. Den Anblick des frisch ergrünenden „Frühlingsgartens“, holländisch „Lentetuin“ (worin das Wort „Lenz“ steckt), hatte van Gogh 1884 festgehalten. Es handelt sich somit um ein Frühwerk, das auf dem Kunstmarkt nicht zu den teuersten Gemälden des hochpreisigen Malers zählt, dennoch für seinen künstlerischen Werdegang wichtig ist. Der Direktor des Museums Singer sprach zu Recht von einem „bewegenden“ Gemälde, das „der Gemeinschaft entzogen“ worden sei, handelt es sich doch um den Pfarrgarten von van Goghs Eltern im Städtchen Nuenen, in dem Vincent nach Aufgabe seiner erfolglosen Arbeit als Wanderprediger zwei Jahre, von 1883 bis 1885, lebte und mehr als 180 Bilder malte.

          Immerhin ein Weg durchs Dunkel

          Sein Nuenener „Frühlingsgarten“ fixiert ein Momentum: Exakt in der Mittelachse bewegt sich die schwarzgewandete Pfarrersfrau – Vincents Mutter – in Richtung Bildmitte. Ihr sonnenbeschienenes Gesicht mit dem zum Sprechen geöffneten Mund dreht sie zurück in Richtung des Malers, als wolle sie ihn auffordern, ihr zu folgen – wie bei Munchs „Schrei“ besitzt die grob eingezeichnete Mimik stark appellativen Charakter. Dennoch liegt über dem auffällig panoramatischen Querformat mit seinen durch sandbestreute helle Wege klar geordneten Beeten aus schwarzer, schwerer Erde eine meditative Ruhe.

          Van Gogh unterbricht die Phalanx der sich frisch begrünenden Bäume für ein „Himmelsloch“ links über der Pfarrfrau, in das er die markante Spitznadel eines ziegelsteinernen Kirchturms setzt – vielleicht ein Indiz für seine 1884 bereits gebrochene religiöse Überzeugung, da der Weg mit seiner Mutter zwar schräg nach hinten zur Kirche zieht, aber durch den Knüppelzaun unterbrochen ist und sich nicht fortsetzt. Wüsste man nicht, dass van Gogh erst später als 1884 mit dem Sammeln japanischer Farbholzschnitte begonnen hat, der Garten könnte für einen fernöstlichen Zen-Garten gehalten werden. In jedem Fall war dieser abgesteckte Garten im Sinne eines mittelalterlichen hortus conclusus, eines eingehegten und zeitenthobenen Paradieses, ein Hort des Friedens für van Gogh: Die hellen Wege geben immerhin einen Weg durchs Dunkel vor.

          Ein letztes Mal Seelenruhe

          Denn obwohl der Firnis des Bildes und die verwendeten billigen Farben in den vergangenen 136 Jahren noch nachdunkelten, war es schon zum Zeitpunkt seines Entstehens kein strahlend helles Gemälde. Außer dem duftig hingehauchten frischen Laub vor silbrig blauem Himmel und dem rostbraun entflammten Busch links, die klar erkennbar in der Tradition seines damaligen französischen Vorbilds Corot stehen, wird das Bild von den erdigen Tönen seiner Frühphase dominiert, die wiederum vom ebenfalls bewunderten Max Liebermann stammen – ihn versuchte van Gogh gleich mehrfach zu treffen.

          In der nun beraubten Larener Ausstellung „Spiegel der Seele“ mit Werken niederländischer Künstler um 1900 bildete dieser zaghaft frühlingshafte Pfarrgarten als botanischer Seismograph von van Goghs Befindlichkeit insofern das Hauptwerk – ein letztes Mal Seelenruhe für den von Nuenen an nur noch zerrissenen Künstler.

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