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Eugène Delacroix im Louvre : Der Triumph der Subjektivität

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Als Zivilisationsskeptiker machte Eugène Delacroix das Meer zur Wüste, aber vermenschlichte Tiere nicht: Eine Ausstellung im Louvre zeigt glücklicherweise auch seine dunkle Seite.

          6 Min.

          In keinem Land Europas waren die Verbindungen und Abhängigkeiten zwischen der zeitgenössischen Malerei und der politischen Macht so komplex wie in Frankreich nach der Französischen Revolution (1789). Die raschen Systemwechsel zwischen Revolution und Restauration, Republik und Monarchie erforderten vor allem von den Historienmalern politisches Gespür und Anpassungsfähigkeit.

          Auch das berühmteste Bild von Eugène Delacroix, „Die Freiheit auf den Barrikaden“ von 1830, oft missverstanden als eine Momentaufnahme der Revolution 1789, tatsächlich inspiriert durch die Pariser Aufstände im Sommer 1830, die sogenannte Julirevolution, ist nicht frei von Opportunismus, indem es dem jüngsten Machtwechsel huldigt, der zur Etablierung der konstitutionellen Monarchie geführt hatte. Das Bild wurde vom Staat angekauft, doch schon wenig später, 1832, ins Magazin verbannt, weil die Herrschenden seine subversiven Qualitäten fürchteten, die Anstiftung zur Erhebung des Volkes gegen die Regierung. Erst nach der Revolution von 1848 wurde es wieder ausgestellt, aber nur kurz, um dann abermals ins Depot zu wandern. Dem Ruhm Delacroix’ (1798 bis 1863) tat all dies keinen Abbruch. Ungleich härter hatte der politische Wandel zuvor Maler wie Gros oder David getroffen, die nach dem Sturz Napoleons I. in Ungnade fielen und wie David ins Exil gehen mussten.

          Ein Poet mit den Mitteln der Malerei

          In der großen Delacroix-Ausstellung im Musée du Louvre mit 180 Werken bildet das populäre Gemälde gemeinsam mit weiteren Frühwerken des Louvre wie der „Dantebarke“ (1822), dem „Massaker von Scio“ (1824) oder „Griechenland auf den Ruinen von Missolonghi“ (1826) aus Bordeaux einen fulminanten Auftakt. Die frappierend dichte Hängung dieser Großformate, deren unglatte Malweise die Mehrzahl der zeitgenössischen Kunstkritiker zu verbalen Wutausbrüchen provozierte, in einem Kompartiment erinnert an die damaligen Präsentationen im Salon. Man spürt den Zwang, den der junge Delacroix empfand, sich durch packende Kompositionen, fast lebensgroße Figuren, eigenwillige Themen und vor allem eine freie Pinselführung hervorzuheben und einen Namen zu machen. Auf die Steine der Ruinen von Missolonghi, zwischen denen die Leichen der ermordeten griechischen Freiheitskämpfer liegen, malte er im Vordergrund rote Blutspritzer, die täuschend echt aussehen.

          Überwältigen wollte er seine Betrachter, auch diese Strategie war wie vieles in seiner Malerei ein Erbe des von ihm bewunderten Barockmalers Peter Paul Rubens. Doch als erstes Bild der Ausstellung begegnet das introvertierte, ja stille (wenngleich koloristisch raffinierte) Bild „Tasso im Irrenhaus“, das den weggesperrten, unverstandenen Renaissancedichter in melancholischer Haltung zeigt (1824). Die Kuratoren Sébastien Allard und Côme Fabre verdeutlichen mit dieser intelligenten Akzentuierung die Bedeutung der literarischen Inspiration, mitunter geradezu die Identifikation mit deren Protagonisten bei Delacroix, der sich als junger Maler dazu bekannte, ein Poet mit den Mitteln der Malerei sein zu wollen.

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