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Die Vorzüge des Privatmuseums : Wer jetzt keins hat, baut sich eins

  • -Aktualisiert am

Ganz schön imposant: Das Würth Museum in Künzelsau. Bild: Würth

Nach Südkorea und den Vereinigten Staaten hat Deutschland die meisten Privatmuseen. Wie erklärt sich der Erfolg dieser Häuser hierzulande?

          6 Min.

          Die elf amerikanischen Museen, die kürzlich Post aus dem Senat in Washington erhielten, dürften darüber wenig erfreut gewesen sein. Absender war der Vorsitzende des Finanzausschusses, Orrin G. Hatch, Senator in Utah. Sämtliche Adressaten waren Privatmuseen, darunter international bekannte Einrichtungen wie die Hall Art Foundation, die enge Verbindung zum Ashmolean Museum in Oxford unterhält. Oder The Broad, das von dem Unternehmer und Sammler Eli Broad gegründete Privatmuseum in Los Angeles, das im September eröffnete. Ausgelöst hatte den Brief ein Artikel in der „New York Times“, in dem der Frage nachgegangen wurde, inwiefern diese Einrichtungen im öffentlichen Interesse handeln.

          Bei der Antwort geht es um Hunderte Millionen Dollar: Die angeschriebenen privaten Museen sind nämlich von sämtlichen Steuern befreit, ein Status, der in Amerika „tax exempt“ heißt. Diese Regelung ist nur so lange gültig, wie die Einrichtungen dem Wohl der Öffentlichkeit dienen. Der Brief des Abgeordneten Hatch hielt fest, dass „wohltätige Organisationen eine wichtige Rolle in der Förderung des Guten in der Gesellschaft spielen“. Er äußerte jedoch Zweifel daran, ob nicht einige private Stiftungen Museen unterhielten, die nur einen minimalen Nutzen für die Gesellschaft hätten, es den Stiftern aber erlaubten, „substantielle Steuervorteile einzuheimsen“. Dem Brief lag ein Fragenkatalog bei, der etwa die Zugänglichkeit des Museums und die Besucherzahlen abfragte.

          Kurzum: In den Vereinigten Staaten hat sich die Politik in die Debatte darüber eingeschaltet, ob der Museumsgedanke im einundzwanzigsten Jahrhundert von einigen nicht auf den Kopf gestellt wird. Der Stolz des bürgerlichen Museums und seiner Kunst lag einmal darin, private Reichtümer in öffentliche zu verwandeln. Was, wenn die Kunst und das Museum inzwischen einigen Leuten dazu dient, aus öffentlichen Geldern private zu machen?

          Sammler binden sich lieber nur noch auf Zeit

          Die Diskussion wirft ein Schlaglicht auf eine Entwicklung, die auch in Deutschland weit fortgeschritten ist: auf den Boom der Privatmuseen. Mit 42 Privatmuseen nimmt Deutschland im internationalen Vergleich Platz drei ein; mehr Privatmuseen gibt es nur noch in den Vereinigten Staaten, nämlich 43, und in Südkorea, wo die Sammlerdatenbank „Larry’s List“ 45 zählt. Laut der aktuellen Ausgabe des „BMW Art Guide“, der sich als „globaler Führer zu privaten, doch öffentlich zugänglichen Sammlungen zeitgenössischer Kunst versteht“, ist Deutschland sogar das Land mit der weltweit höchsten Dichte an Privatmuseen.

          Für den Aufstieg gibt es mindestens drei Gründe; Eckart Köhne, der Präsident des Deutschen Museumsbunds, nennt einen Mentalitätswechsel als den ersten: „Früher haben private Sammler ihre Werke in die Museen als bürgerliche Institutionen dauerhaft und meist als Geschenk eingebracht“, sagt Köhne, „heute errichten sie immer öfter eigene Museen oder binden sich nur auf Zeit an bestehende Einrichtungen.“ Illustrieren lässt sich dieser Befund mit zahlreichen Fällen. Im Jahr 2006 zog das Galeristenehepaar Otto und Etta Stangl mehr als tausend Leihgaben aus dem Kunstmuseum Stuttgart ab, um diese an das Franz Marc Museum in Kochel am See zu geben, zu dessen Betreibern die Stiftung Etta und Otto Stangl gehört.

          Videoinstallationen, Film und Fotografie sind hier der Schwerpunkt: Die Stoschek Collection in Berlin.

          In München bestanden die Sammler Udo und Anette Brandhorst auf ein eigenes Haus, das ihnen 2009 der Freistaat Bayern spendierte, direkt neben den Pinakotheken. In anderen Fällen, wie bei Frieder Burda in Baden-Baden, hat die öffentliche Hand nur das Grundstück gegeben, den Bau und die Betriebskosten trägt die Stiftung des Sammlers. Auch die Bau- und Betriebskosten der Museen der Würth-Gruppe werden privat getragen, durch die Adolf Würth GmbH& Co. KG; diese ist Teil der gesamten Würth-Gruppe, die ihrerseits in Familienstiftungen gegliedert ist. Einige andere Privatmuseen erfahren öffentliche Unterstützung, indem sie in den Genuss der Staatshaftung kommen und ihre Kunst auf diese Weise versichert ist.

          Billiganbieter gehen oft pleite

          Die Bezeichnung Privatmuseum meint dabei eine große Vielfalt von Einrichtungen. Weltweit weisen sie häufig Gemeinsamkeiten auf: Es handelt sich meist um Gründungen der vergangenen fünfzehn Jahre. Überwiegend sammeln diese moderne und vor allem zeitgenössische Kunst, die Hitliste der beliebtesten Künstler führen global Picasso, Warhol, Richter, Kiefer und Hirst an. Die Gründer der Museen sind fast immer Männer, nur neunzehn Prozent der Privatmuseen wurden von Sammlerinnen eingerichtet.

          Zu diesen Ausnahmen in Deutschland zählt das Privatmuseum von Julia Stoschek, das sie 2007 in Düsseldorf eröffnet hat und das seit kurzem eine Dependance in Berlin unterhält. Ebenso ungewöhnlich ist das 1996 von Charlotte Zander gegründete Museum in Bönnigheim. Sowohl Stoscheks als auch Zanders Einrichtungen zeichnen aus, dass sie ein völlig eigenständiges Sammlungsprofil vorweisen, das nicht mit den umliegenden öffentlichen Museen konkurriert: Stoschek konzentriert sich auf Medienkunst, die Zander-Sammlung auf Outsider Art.

          Die wichtigste Sammlung eines fast übersehenen Kapitels der Kunstgeschichte: Die Sammlung Zander in Bönnigheim widmet sich der Naive und Art Brut.

          Zum zweiten lässt der Erfolg einiger Privatmuseen sich mit dem größeren Freiraum erklären, den diese besitzen, finanziell wie planerisch – ein Beispiel: Private Museen müssen Aufträge im Rahmen von Ausstellungen oder Projekten nicht dreifach ausschreiben, eine prinzipielle Auflage, die immer wieder Vorhaben an staatlichen Kunstmuseen zu Fall bringt. „Die Logik des billigsten Anbieters“, kritisiert Ulrike Lorenz, Direktorin der Kunsthalle Mannheim, „widerspricht der der Kunst.“ Billig habe weder Qualität, noch sei es nachhaltig. In der Schweiz sei diese Regelung, so Lorenz weiter, für öffentliche Museen gestrichen worden. Zu oft seien Billiganbieter pleitegegangen, den Schaden hat dann das Museum. Lorenz fordert darüber hinaus, die lähmende Bürokratie an öffentlichen Institutionen abzubauen, um „wirtschaftlich effizienter mit den von Kürzungen betroffenen öffentlichen Zuschüssen arbeiten zu können“.

          Deutsches Dickicht der Bürokratie

          Im Dickicht der Vorschriften, Formulare und Auflagen sieht Andreas Blühm, der ehemalige Direktor des Kölner Wallraf-Richartz-Museums, der nun das Groninger Museum in den Niederlanden leitet, auch einen Grund, warum viele deutsche Museumsdirektoren ins Ausland gehen: nach London an das British Museum oder das Victoria&Albert Museum, nach Florenz an die Uffizien oder nach Amsterdam an das Van Gogh Museum. Der Fall, den Blühm aus seinem ehemaligen Kölner Museumsalltag erzählt, klingt wie ein Slapstick: Der Antrag für den Erwerb eines Laptops, den ein Mitarbeiter dringend benötigte, brauchte in der Mühle der Behörden so lange, dass der Gerätetyp auf dem deutschen Markt nicht mehr verfügbar war. „Wir mussten das Laptop aus Taiwan importieren“, sagt Blühm; für ein anderes Gerät hätte ein neuer Antrag gestellt werden müssen.

          Einen dritten Grund für das Wachstum der Privatmuseen führt der Rechtsanwalt Felix Ganteführer aus, in seinem Buch „Kunst im Kontext der Steuer“, das 2013 von der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig in Köln veröffentlicht wurde. Ganteführer benennt drei Bereiche – Vererben, Verschenken, Stiften –, die steuerliche Vorteile für Kunstsammler bieten können, sowohl mit Blick auf die Einkommensteuer als auch auf die Erbschaftsteuer.

          Bei allen steuerlichen Überlegungen, so Ganteführer, spiele das Museum eine zentrale Rolle. Die Ersparnisse können Sammler nämlich nur für Werke in Anspruch nehmen, die an ein Museum gegeben werden – im Zweifelsfall an das eigene. Anders als in den Vereinigten Staaten gibt es hierzulande für Stiftungen keine vollständigen Steuerbefreiungen. Eine Kombination von verschiedenen Vergünstigungen ist allerdings möglich und für Sammler mit einem eigenen Museum insofern attraktiv, als die Gründer häufig in einer Doppelrolle auftreten: Sie sammeln privat Kunst und sind Vorsitzende der Stiftung, der die Museumssammlung gehört. Sie kaufen also in mindestens zwei Funktionen Werke ein.

          Aus steuerlicher Sicht sehr vorteilhaft

          Mit Blick auf den Privatsammler und die Erbschaftsteuer rät Ganteführer zu einer Umschichtung von Aktiendepots in Kunstwerke. Sie seien deshalb die besseren Anlagen, da sie weitaus günstiger vererbt werden können. Als vorteilhaft werden dafür die Ermäßigungsregeln für Kunst angeführt, die sich als Leihgabe in Museen befindet. Im Buch gibt es darüber hinaus ein Rechenbeispiel zur Nutzung von Freibeträgen, die es ermöglichen, Kunst im Verkehrswert von acht Millionen Euro ohne Erbschaftsteuer auf zwei Kinder zu übertragen. Ganteführer schließt daraus: „Hätte es sich dabei um Wertpapiere gehandelt, so hätten die beiden Kinder nach Freibeträgen zweimal 608.000 Euro zahlen müssen, somit 1,216 Millionen Euro insgesamt.“

          Zeitgenössische und moderne Kunst ist im Museum Frieder Burda in Baden-Baden zu sehen.

          Steuerliche Vergünstigungen bieten auch Spenden in den Vermögensstock von gemeinnützigen Stiftungen oder solchen des öffentlichen Rechts. Die vollen Verrechnungsmöglichkeiten von Stiftungen sind, mit Blick auf die Einkommensteuer, weitaus vorteilhafter als diejenigen, die öffentliche Museen bieten können. Laut Ganteführer ermöglichen es die hohen Steuervorteile von privaten Kunststiftungen großen Sammlern, „ihr eigenes Finanzmodell“ daraus zu machen. Bei den meisten Privatmuseen ist daher eine Stiftung angeschlossen. Ausnahmen bilden auch hier die Sammlungen von Julia Stoschek und die von Charlotte Zander, die als Verein und als Gemeinnützige GmbH eingetragen sind.

          Gerade in Zeiten des Kunstmarktbooms sind Schenkungen von Werken an Stiftungen aus steuerlicher Sicht besonders vorteilhaft. Der Wert einer Schenkung wird häufig nach dem zuletzt erzielten Höchstpreis für ein vergleichbares Werk bei einer Auktion beziffert. Wurde das Werk zuvor vom Sammler für einen niedrigeren Preis erworben, können durch Steuervergünstigungen also sogar Gewinne realisiert werden. Diesen Anreiz können auch Museen wie das Städel in Frankfurt oder das Ludwig Museum in Köln ihren Unterstützern bieten: Das Städel wurde bekanntlich bereits 1815 als Bürgerstiftung gegründet, das Museum Ludwig hat 2008 eigens eine Stiftung eingerichtet. Beide Sammlungen sind in den vergangenen Jahren rapide gewachsen.

          Ein großzügiger Mäzen bleibt oft unerwähnt

          Aus den Vereinigten Staaten wurde Anfang Juni gemeldet, dass die von Senator Hatch angeschriebenen Museen ihre Berichte beim Finanzausschuss eingereicht hätten. Auf Anfrage dieser Zeitung wollten weder der Senator noch die Hall Art Foundation oder The Broad zum laufenden Verfahren Stellung nehmen. Laut der digitalen Kunstzeitung „Hyperallergic“, der eine Zusammenfassung der Berichte vorliegt, sollen nun Richtlinien für die Führung von Privatmuseen erarbeitet werden. Gegenstand sei dabei auch die Doppelrolle, die einige Sammler als Stifter und Leiter des Museums einnähmen. Wie in Deutschland können Sammler in den Vereinigten Staaten, die ihrer eigenen Stiftung vorstehen, sich selbst Spendenquittungen ausstellen.

          In Deutschland wird derzeit die geplante Reform des Kulturgutschutzgesetzes diskutiert. In der Debatte sind häufig die Stimmen am lautesten, die dem Staat vorwerfen, die Sammelkultur hierzulande zu gefährden. Erstaunlicherweise ist dabei so gut wie nie davon die Rede, dass Sammler und Privatmuseen von einem überaus großzügigen und tatkräftigen Mäzen unterstützt werden: dem deutschen Steuerrecht.

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