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„Die Unsterblichen“ in der Münchner Glyptothek : Diese Götter sind unsere Ebenbilder

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Sie sind unsere unbestechlichen Spiegelbilder: Die Bewohner des Olymp in der Ausstellung „Die Unsterblichen. Götter Griechenlands“ in der Münchner Glyptothek.

          6 Min.

          Kaum ist der Münchner Königsplatz erreicht, kneift man die Augen zusammen. Das liegt nicht nur am grellen Sonnenlicht der Hochsommerattacke. Stärker als sie blendet das Goldflirren einer riesigen Statue auf dem Treppenpodest der Glyptothek - Athena mit Helm und Speer, Wallegewand und kokettem Kontrapost blickt versonnen ins Weite. Offen gesagt: Sie stiert. Anders lässt sich dieser blitzweiße und kornblumenblaue Blick aus aufgerissenen Augen, die ein - pardon! - Pfannkuchengesicht mit Schmollmündchen beherrschen, nicht charakterisieren.

          Wer ein wenig Kenntnis in Archäologie hat, wird irgendwann anhand der Umrisse dieser Riesenfrau die berühmte klassische, um 420 vor Christus gegossene Bronzestatue der „Athena Velletri“ erkennen. Doch was die Besucher der Glyptothek als Rekonstruktion des Originals, von dem wir nur hellenistische und römische Marmorkopien besitzen, empfängt, hat nichts von der „stillen Größe“, der Gemessenheit und Anmut, die unsereins an den antiken Bildwerken bewundert. Mögen Experten noch so oft beteuern, das Jeff-Koons-Geflirr dieser Athena entspreche dem, was die Griechen einst an den Bronzen ihrer Götter und Helden schätzten - die Münchner Titanin posiert vor ihrem Museumstempel wie eine bronzierte Glücksgöttin vor den Spielautomatenbaracken in Vegas.

          Keine Insel der Seligen

          Ein wenig später, mitten im Ausstellungsparcours, der die zwölf Hauptgötter (der Katalog nennt sie salopp zutreffend Patchworkfamilie) vorstellt, taucht eine Darstellung auf, die den spontanen Ärger über die Goldliese draußen endgültig vergessen lässt. Ein bezauberndes Bildnis der Hera, das alles hat, was der Rekonstruktion fehlt: Nicht würdige „Göttermutter“, sondern eine anbetungswürdig schöne, scheu selbstbewusste junge Frau mit Königsbinde (stephane), elegant fallenden, bestickten Gewändern und schlankem Hoheitsstab, schmückt in delikat blassen Farben eine attische 470 vor Christus entstandene Schale.

          So winzig dieses Kunstwerk ist, erlebt man es doch als einen Höhepunkt der Sonderausstellung, mit der Florian Knauß, der neue Direktor der Glyptothek, seinen Einstand gibt. „Die Unsterblichen“ und ihre Allgegenwart im Denken und Handeln der Antike - „Alles ist voll von Göttern“, sagt Thales von Milet - sind ein klug gewähltes Thema. Denn das Allgemeinwissen um die Götter, Heroen und Dämonen Griechenlands, Etruriens und Roms versinkt in den Informationsfluten der Mediengesellschaft, und mit ihm die Kenntnis, dass ihre Mythen noch heute unsere Zivilisation prägen, ihre Regeln und Orakel, Taten und Untaten noch die unseren sind.

          Leicht macht die Schau es dem Besucher nicht. Man betritt keine Insel der Seligen, sondern muss gleich zu Beginn beispielsweise ertragen, dass unser felsenfest in allen Köpfen verankertes „Methusalem-Syndrom“ am uralten „Erkenne dich selbst“ des Orakels von Delphi wie Glas zerschellt: Nicht nur Selbsterkenntnis, sondern vor allem das Akzeptieren der Sterblichkeit, des größten Grauens aller Lebenden, und die Einsicht in die Begrenztheit alles menschlichen Handelns forderten in Gestalt der Pythia die unsterblichen Götter von unseren Vorfahren. Das ist die unüberbrückbare Kluft, die sie, die der Dichter Hesiod um 700 vor Christus in seiner Mythensammlung „Theogonie“ (die Antike kennt keine Heilige Schrift) die „Geber des Guten“ nannte, vom Menschen trennt.

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