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Die Unschuld der Cartoonisten : Im Kreuzfeuer der Weltreligionen

Der amerikanische Comiczeichner Art Spiegelman erinnert sich an seine umstrittensten Arbeiten. Alle hatten mit Religion zu tun. Zum jüngsten muslimfeindlichen Film hat er eine deutliche Meinung.

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          Art Spiegelman war in Deutschland, vier Tage lang, um seine Retrospektive „Co-Mix“ im Kölner Museum Ludwig (siehe untenstehende Comic-Rezension) zu eröffnen und vorgestern in Berlin den Siegfried-Unseld-Preis entgegenzunehmen. In diesen vier Tagen begegnete man dem Comiczeichner Spiegelman, der mit „Maus“ die Grundlage für die heutige Akzeptanz dieser Erzählform geschaffen hat, aber auch dem Cartoonisten, der mit größter Sorge die Entwicklung auf diesem, seinem zweiten Feld betrachtet. Denn die vier Tage waren eine Zeit, die auch im Zeichen der Auseinandersetzung um den polemischen Film „Die Unschuld der Muslime“ stand.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          „Natürlich habe ich den Film gesehen, und natürlich will ich darüber reden“, sagt Spiegelman, „es ist ein lächerliches Werk, nicht der Rede wert, aber gerade darum ist das, was daraus entstanden ist, so bemerkenswert. Niemand hätte sich dieses Filmchen je bei Youtube angesehen, wenn es nicht die Proteste dagegen gegeben hätte. Diejenigen, die ihn aus der muslimischen Welt skandalisierten, haben auf so einen Anlass gewartet. Sie benutzen ihn nur für etwas, das sie sowieso tun wollten.“

          Erst protestieren die einen, dann die anderen

          Spiegelman weiß, wovon er spricht. Er ist ein Cartoonist, der mit allen großen monotheistischen Religionen Streit hatte, zuallererst mit den Angehörigen seines eigenen Glaubens, des jüdischen (wobei Spiegelman sich als Agnostiker sieht). Im Februar 1993 hatte er das Titelbild der Zeitschrift „The New Yorker“ zum Valentinstag gezeichnet: einen Kuss zwischen einem chassidischen Juden mit Bart und Schläfenlocken und einer jungen Schwarzen. Kurz vorher hatte es in Brooklyn Straßenkämpfe zwischen jüdischen und farbigen Bewohnern gegeben, und deshalb löste Spiegelmans Versöhnungsvision zunächst heftige Proteste von jüdischer, dann von afroamerikanischer Seite aus.

          „Der Vorwurf seitens der Orthodoxen lautete selbstverständlich auf jüdischen Selbsthass“, erinnert sich Spiegelman und lacht. „In der Tat sind Juden ja die größten Antisemiten der Welt, aber das sieht man mehr an der Reaktion auf mein Titelbild. Seitens der Schwarzen dagegen wurde behauptet, ich hätte mich nie getraut, die Rollen umzukehren und einen Farbigen zu zeichnen, der eine Jüdin küsst. Diese Leute haben einerseits vom Beruf der Cartoonisten keine Ahnung, denn einen jüdischen Mann erkennt man sofort an seinen Attributen, eine jüdische Frau dagegen nicht. Also zeichnet man besser ihn. Und hätte ich tatsächlich einen Schwarzen dargestellt, der eine Jüdin küsst, wäre mir vorgeworfen worden, ich würde das Klischee von Farbigen als sexuellen Gewalttätern bemühen. Man macht es Leuten, die keinen Frieden geben wollen, nie recht.“

          Eine Flut empörter Leserbriefe

          Zwei Jahre später verscherzte es sich Spiegelman mit den Christen, als er zu Ostern einen Hasen in der Pose des Gekreuzigten zeichnete, dem die Taschen seines Anzugs nach außen gekehrt waren. „Taxed to Death“ lautete der Titel dieses Bildes, das auf den Abgabezeitpunkt der amerikanischen Einkommensteuererklärung anspielte, der 1995 auf Ostersamstag fiel. Der republikanische Politiker Newt Gingrich hatte wenige Tage zuvor die angeblich untragbare Steuerlast der Amerikaner kritisiert.

          Aber christliche Leser sahen mit dem Kreuzestod ein zentrales Moment ihrer Religion verspottet. Spiegelman, damals auch auf Reisen in Deutschland, wurde schnellstens zurückgeflogen, um den Vorwürfen zu begegnen: „Als ich mich vor der Kamera ans erregte Publikum wandte und nur ‚Mea culpa‘ sagte, holten mich meine Redakteure sofort von der Bühne. Man zog mich nie mehr zur Verteidigung meiner Bilder heran.“ In der Flut empörter Leserbriefe fand sich häufig der Vorwurf des „christian bashing“ durch den Juden Spiegelman: „Endlich einmal fühlte ich mich auf der starken Seite.“

          Muslimisches Missfallen hat sich Spiegelman erst spät zugezogen, und das war dann auch durchaus gewollt. Als Reaktion auf den Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen 2005/06 hatte Irans Präsident Ahmadinedschad einen antisemitischen Karikaturenwettbewerb ausgerufen, mit dem er das westliche Beharren auf Meinungsfreiheit Lügen strafen wollte. Aber Spiegelman machte sich sofort an die Arbeit. Eine seiner Karikaturen zeigte einen krummnasigen Herrn mit Palästinensertuch, der zu einem genauso krummnasigen Juden sagt: „Seltsam, Sie sehen gar nicht jüdisch aus.“ Eine andere einen jüdischen Herrn am Tisch, der seine Frau am Nachschenken hindert: „Bitte kein palästinensisches Blut mehr, das ist schlecht für meinen Cholesterinspiegel.“

          Spiegelman hat den Wettbewerb nicht gewonnen. „Ich war zu feige, die Arbeiten einzureichen. Und wenn man ehrlich ist, waren die Arbeiten der Gewinner auch besser als meine. Juden sind eben doch nicht die besten Judenhasser.“ Aufsehen erregten seine Karikaturen aber doch noch: in der Zeitschrift „Harper’s“. Die Parodie auf Perfidie wurde als muslimfeindlich kritisiert. „Dabei hat ein guter Karikaturist kein Feindbild, er liegt notgedrungen mit der ganzen Welt im Clinch.“ Deshalb ist Spiegelman nie auszurechnen. In Österreich lässt er seine Werke nicht ausstellen, weil das Land seine Beteiligung am NS-Genozid nicht aufgearbeitet habe, in Israel nicht, weil dort dieser Genozid politisch instrumentalisiert werde.

          Dilettanten auf dem Feld der Ironie

          Spiegelmans bislang ultimative Karikatur zu Religions- und Rassenhass ist dementsprechend eine universale Verächtlichmachung. Als Kommentar zum dänischen Karikaturenstreit zeichnete er wiederum für „Harper’s“ ein Titelbild mit Klischeeporträts von Juden, Muslimen und katholischen Priestern, aber auch von Schwarzen, Mexikanern, Italienern und Indianern – und die hingekritzelte Skizze einer nackten Frau. „Ich rechnete nicht damit, dass ausgerechnet dieser im Stil von Schulschmierereien gehaltene Akt Probleme bereiten würde. Angeblich wollte die kanadische Buchhandelskette Chapters diese Ausgabe von ‚Harper’s‘ nicht verkaufen, also sollte ich schwarze Balken über Brust und Geschlecht legen. Niemals habe ich freudiger einer Bitte um Zensur entsprochen, denn das Bild wurde dadurch besser.“ Chapters lehnte die Ausgabe trotzdem ab – keine andere „Harper’s“-Nummer hat sich in Kanada je besser verkauft.

          „Das ist doch der Effekt jeder Skandalisierung“, sagt Spiegelman, „plötzlich wollen alle sehen, was da los ist, und so kommt die Sache erst richtig unter die Leute.“ Dabei beklagt er nicht den Mangel des Publikums an Ironieverständnis, wie es kürzlich der wegen seines Lobs für Anders Breivik entlassene französische Lektor Richard Millet getan hat. Spiegelman sieht im Gegenteil zu viel Ironisierung am Werk, wenn selbst Dilettanten wie der Produzent von „Die Unschuld der Muslime“ sich auf diesem Feld versuchen. „Wir brauchen eine neue Ernsthaftigkeit, dann nimmt man auch solche Bagatellen nicht mehr wichtig. Wenn die Islamisten schon einen Vorwand haben wollen, dann soll es wenigstens etwas sein, was die westliche Meinungsfreiheit ziert.“ Ein Verbot des Films kommt für Spiegelman natürlich gar nicht in Frage. Zurück in Amerika wird er über seine Reaktion auf die Proteste nachdenken.

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